Vor einem Dreiviertel Jahr starb Steven Hawking. Einer der größeren Denker unserer Zeit, der sich selbst nie als Genie anerkennen wollte. In einem Interview mit seiner Tochter, die vor einigen Tagen in Berlin sein neues Buch vorstellt, ist zu hören, dass Steven Hawking sich mit seiner ganzen Energie, all seiner Intelligenz und Passion auf die großen Fragen des Lebens konzentrierte. Denken war eine Art Medizin für Steven Hawking.

Thinking was a kind of his medicine

Etwas, das Menschen, die in Krankheit geworfen werden, nicht unmittelbar in den Sinn kommen würde. Viele Menschen, die krank werden, fokussieren sich nach einer Diagnose wahlweise auf das Leiden selbst oder auf dessen Organisation. Insbesondere das Deutsche Gesundheitswesen enttäuscht immer mehr Menschen, wenn diese sich krank im Gesundheitssystem bewegen.

Welch diametrale Perspektive auf unser aller Zukunft im System steckt, zeigen zwei zum Merken würdigende Ereignisse der vergangenen Wochen. Diese Ereignisse sind Indizien, die ich gegenüberstellen möchte, bevor ich unten eine Bewertung vornehme.

Bessere Medizin im Tausch für Daten

Für das Forum Zukunftsmedizin befragte die Rheinische Post im Sommer seine Leserinnen und Leser. In einer Online-Umfrage antworteten 125.000 auf Fragen, die sich unter anderem auf den Umgang mit den eigenen Gesundheitsdaten drehten.

Fast jeder Zweite ist demnach bereit, seine genetischen Daten preiszugeben, wenn er dafür bessere Gesundheit und Medizin erhält (49,3 Prozent). Außerdem stellte die Rheinische Post die Frage: „Stellen Sie sich vor, Sie könnten alles über ihre Gesundheit und Krankheit wissen: Wollten Sie?“ Hier gab es eine deutliche Mehrheit für ein Ja: 55,4 Prozent der Teilnehmer würden gerne alles über ihren Gesundheitszustand wissen, sofern dies möglich wäre. 31 Prozent sogar auf jeden Fall.1. Dieses Wissen lässt sich sicher nicht mehr in Ratgebern und Aufklärungsbögen abdrucken. Es wird deutlich, dass auch in der Kommunikation mehr Präzision verlangt wird als früher. Der ärztlichen Kunst bei der auch in Clustern gedacht wird, stellt das vor neue Herausforderungen.

Zugegeben die Studie der Rheinischen Post ist eine Momentaufnahme. Doch offenkundig ist der Wunsch in der Bevölkerung groß genug, sich einer datengetriebenen Medizin zuzuwenden. Daraus ließe sich eine Entwicklungsrichtung deuten. Denn der Wunsch nach Wissen erschöpft sich, wenn die Informationsflut zu groß wird. Es braucht einen gezieltere sinnvollen Zugang zu Informationen. Ein Anspruch, der unter den Aspekt der Präzisionsmedizin fällt. Jede heute schon mit Google gemachte Recherche ist unvermeidbar aber häufig von Umwegen betroffen und mit Missverständnissen garniert, die nicht selten von Ärzten aufgelöst werden müssen. Auf der Suche nach Orientierung nutzen Patientinnen und Patienten wie selbstverständlich die sie umgebende Matrix. Das Netz. Auch, weil das Gesundheitssystem den Bedürfnissen nach Informationstransparenz nicht nachkommt. Ärzte sind heute mit zahlreichen Tätigkeiten gebunden, die eine umfassende Betreuung der Patienten sicherstellen verhindert. Hier allerdings beginnen wir, uns im Kreis zu drehen.

Der Wunsch, alles über die eigene Krankheit zu erfahren ist getrieben von dem Wunsch, den individuellen Schatz an Informationen zu heben, die den Erkrankten zum Wissenden macht, der eigenen Diagnose zu begegnen und den Therapieverlauf aktiv selbst mitzugestalten.

Dafür braucht es Initiativen. Dafür braucht es Infrastruktur und dafür braucht es neue Werte, die sich der Zukunftsmedizin zuwenden, die ohne Zweifel etwas mit Daten über gesundheitliche und krankheitsbedingte Zusammenhänge haben muss. Eine der Autoritäten, die hier mitgehalten will, ist die Ärzteschaft. Die Wandlung des Ärztekammerpräsidenten Montgomery vom Saulus zum Paulus ist aufmerksamen Beobachtern nicht verborgen geblieben. Erst im Frühjahr bestätigte er beim Hauptstadtkongress diesen Anspruch.

Auch die KBV engagierte sich für Projekte wie der Gesundheitsakte Vivy. Oder die Techniker Krankenkasse bietet Ihren Versicherten mit dem Zugang zum Symptom-Checker Ada Health – ergänzend zur eigenen Gesundheitsakte – in Kürze einen Weg, eine künstliche Intelligenz in das persönliche Gesundheitsgeschehen einzubinden.

Die Ärzte scheinen sich allerdings noch nicht einig zu sein, wie die Teilhabe an der Gestaltung aussehen könnte. Was braucht es, um herauszukommen aus der Denke, mit Nostalgie ließen sich neue Geschäftsmodelle entwerfen?

Nostalgie ist kein Geschäftsmodell (Gabor Steingart)

Petition gegen die Telematikinfrastruktur

Kommen wir zum zweiten Indiz. Niedergelassene Ärzte gründen am 01.06.2018 die neue Interessengemeinschaft Medizin (IG med) als Antwort darauf, dass Ärzte mit ihrer Kritik an den gesundheitlichen Versorgungsstrukturen nicht mehr gehört würden. Der Regulierungsdruck der Politik auf die Strukturen der Selbstverwaltung würde immer größer.

Diese Interessengemeinschaft veröffentlichte vor Kurzem einen Offenen Brief an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn als Petition und vereint heute gegen Mittag ungefähr 7.500 Unterstützer. Der offene Brief wendet sich mit einem Aufruf zum Zivilen Ungehorsam an Ärztinnen und Ärzte in eigener Praxis, die Gesetze um die Telematikinfrastruktur und das gerade in Vorbereitung steckende Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) zu ignorieren. Wörtlich heißt es in dem Aufruf:

Niemals war es für uns Ärzten leichter, zivilen Ungehorsam zu leisten, werter Herr Gesundheitsminister – und wir werden es tun: Wir Ärzte müssen in diesem Fall einfach „NICHTS TUN“!

Jens Spahn beschäftigt die nach seiner Auffassung Stimmungsmache der Ärzte schon etwas länger. Mitte Oktober zeigte er sich in der Ärztezeitung verärgert, vor allem weil die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) intensiv am Gesetz mitgearbeitet habe. Das scheint die Vertreter der Interessengemeinschaft Medizin nicht zu interessieren. Dr. Ilka Martina Enger ist eine der Initiatoren der Petition. Sie schreibt in einem Facebook Post:

… ich weiß ja nicht, was jemand davon hat, unseren offenen Brief an Herrn Spahn zu diskreditieren, aber ich kann nur sagen, dass es uns sehr ernst ist, mit dem, was wir sagen.

Kurzum. Mittlerweile klaffen die Wunden wie große Gräben auseinander. Der Wunsch der Patientinnen und Patienten wird missachtet und die eigene Vergangenheit in die Zukunft verlängert. Die Bevölkerung könnte sich bald schon neuen Szenarien für ein persönliches Gesundheitsgeschehen zuwenden. Zugegeben bei chronischen und akuten Erkrankungen wird man um den Arztbesuch nicht herumkommen. Doch wenn die kritische Masse der Ärzte, die der Argumentation der Interessengemeinschaft Medizin folgen, groß genug bleibt, bricht uns am Ende ein immenser Teil der Versorgungssicherheit weg. Dann wenn Patienten alternativen wählen, um Ihrer Krankheit zu begegnen. Das alles geht schneller als man heute noch glaubt.

Wir brauchen eine Erneuerung der Geschäftsmodelle, so dass moderne Patientinnen und Patienten sich dem Gesundheitssystem nicht immer häufiger abwenden. Die Vertrauenskrise ins System wächst, obwohl wir im weltweiten Vergleich medizinische Meister sind. Aber ist das auch in 5 Jahren noch so, wenn an der Milchkanne keine datengetriebenes Monitoring ermöglicht wird oder Diagnosen unvollständig bleiben, Menschen sterben, weil der Hausarzt um die Ecke vergessen hat, seine Anschlussfähigkeit an die Zukunft zu beweisen?

Erlauben Sie mir zum Abschluss ein paar persönliche Worte in Richtung Ärzteschaft. Ich verstehe all Ihre Argumente. Sie haben meine volle Empathie. Dieser Artikel will sie nicht vorführen. Aber wir gelangen an ein logisches Ende der Zurückgewandtheit, die kein Besinnen auf traditionelle Werte mehr ist, sondern auf eine besondere Form der Zukunftsverweigerung, die eben nicht einfach der Markt regelt.

In Deutschland werden Ärztinnen und Ärzte mit Drohanrufen durch Kollegen belästigt, weil sie sich digital neu aufstellen wollen. Das berichte ich aus eigener Erfahrung und aus Gesprächen mit betroffenen Ärzten. Es gibt eine digitale Bohême unter Ärzten; aber nur deshalb weil ein großer Teil sich verweigert.

  1. Macias, J., Grosche, J. and Peters, P. (2018) ‘125.000 STIMMEN ZUR MEDIZIN DER ZUKUNFT’, Rheinische Post.

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