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COVID-19: Nicht nur Fallzahlen sind entscheidend

Während einer laufenden Pandemie stellen sich trotz vorhandenem Grundlagenwissen völlig neue Fragen, die möglichst schnell beantwortet werden müssen.
  • Das SARS-Co-V2-Virus provoziert einen Paradigmenwechsel und öffnet Wege zur datengestützten Medizin und neuer Agilität für die klinische Forschung.
  • Jeder einzelne COVID-19-Fall braucht eine erweiterte, auf Daten basierende, medizinische Betrachtung, um die Evidenzen schneller aufzudecken. International durchgeführte Tests (PCR) sind in ihrer Anzahl und Güte allein nicht aussagekräftig, um die Krankheit in Folge einer Infizierung besser zu verstehen. Insbesondere Langzeitschäden und ihre Beobachtung sind abhängig von einer strukturierten Datenerhebung; auch durch Mitwirkung der PatientInnen.

Die Forschung nach traditionellem Vorbild zum Virus SARS-Co-V2 und der sich daraus entwickelnden Lungenerkrankung COVID-19 laufen auf Hochtouren. Wir befinden uns in einer exponentiellen dynamischen Situation einer bedrohlichen Erkrankung. Umso wichtiger ist es jetzt, Daten von Erkrankten zu nutzen, die über das reine Fallgeschehen hinaus reichen.

Während einer laufenden Pandemie stellen sich trotz vorhandenem Grundlagenwissen völlig neue Fragen, die möglichst schnell beantwortet werden müssen. Dazu wäre eine hinreichende Aufbereitung klinischer Daten in Kombination mit von Patienten berichteten Beobachtungen, sogenannten Patient Reported Outcome Measurements (PROM) zielführend.

Wir brauchen Evidenz durch datengestützten Erkenntnisgewinn

Laut Professor Dr. Lothar Wieler erreicht die Corona-Krise im Frühjahr 2020 einen vorläufigen Höhepunkt1. Das Robert Koch-Institut (RKI) und führende Virologen gehen außerdem nach Überwindung der aktuellen Phase von weiteren Erkrankungswellen aus2. Insgesamt wird deren Verlauf mutmaßlich schwächer ausfallen. Nach heutigem Ermessen kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, dass sich im Winter 2020 eine weitere schwerere Welle ergibt. Mit dem Plan der Bundesregierung einer auf zeitliche Sicht verlängerten Herdenimmunisierung der Bevölkerung durch Einschränkungen des öffentlichen Lebens und für den Fall eines vorliegenden Impfstoffs, wird weiterer Erkenntnisgewinn zwingend. Auch hinsichtlich zu erwartenden Mutationen sollten wir vorbereitet sein.

Wenn es gelänge, die sich international ergebende Datenlage zu erfassen, aufzubereiten und zu analysieren, würde ein tieferer Erkenntnisgewinn ermöglicht. Die heute bereits zur Verfügung stehenden Szenarien der künstlichen Intelligenz könnten Maßnahmen der nicht-pharmezeutischen Intervention (NPIs) effektiv gestützt und entschieden werden. Das wäre ein wichtiger Meilenstein, um dem Gesundheitssystem den Weg in eine auf Daten gestützte Medizin und Wertschöpfung nicht nur in Zeiten der Pandemie zu ebnen. Die Zurückhaltung der letzten Dekade hinsichtlich des sich künftig abzeichnenden Paradigmas dürfte unserer Einschätzung nach in diesen Wochen enden.

Gleich zu Beginn stellten sich zunächst Wissenschaftler und medizinisch handelnde Personen viele Fragen im Zusammenhang mit einer Erkrankung an COVID-19. So war trotz der Erfahrungen um die erste SARS-Epidemie 2003 nicht klar, welche Betroffene einem besonderen Risiko ausgesetzt sind. Die Missverständnisse bei der Abgrenzung zur Influenza-Infektion konnte in der Öffentlichkeit und sogar unter medizinischem Fachpersonal nur mühsam aufgelöst werden oder sie halten sich sogar hartnäckig. In unterschiedlichen Studien zur Modellierung der Ausbreitung ist von mehreren zehntausend Sterbefällen die Rede. Allein während der ersten Erkrankungswelle ist gleichzeitig mit 6 Millionen Erkrankten zu rechnen. Über den gesamten Zeitraum ist die Zahl der Erkrankten noch deutlich höher3.

Durch einen exponentiellen Anstieg der Infizierten, werden zudem nicht mehr alle Virusträger identifiziert, was zu weiteren Problemen führen kann.

|Wie zuverlässig sind die unterschiedlichen Tests? Erste Tests in den USA boten ein anderes Bild als in Europa. Der sprunghafte Anstieg der Fallzahlen in Wuhan/Hubei erfolgte u. a. durch Einbeziehung radiologischer Daten. Prädikative Medizin auf Basis bildgebender Diagnostik wird bei COVID-19 in China heute schon praktiziert.

Weitere Fragen sind derzeit: Wie verhält sich das Virus bei steigenden Temperaturen in den Sommermonaten? Wie lassen sich Verläufe aus Brasilien mit denen in Europa oder im nahen und Fernen Osten miteinander vergleichen? Wer sind die Super-Spreader und wo sind diese aktiv? Welche jetzt zur Verfügung stehenden Medikamente könnten helfen? Und ganz wichtig: Welche Beobachtungen und Symptome berichten die Patienten im Verlauf der Erkrankung? So erklärten viele Erkrankte vor Kurzem eine Veränderung des Geschmacks- und Geruchssinns an sich festzustellen4.

Diese und viele andere Fragen könnten wesentlich schneller auf wissenschaftlichem Niveau und in globalem Maßstab in einem Akt der Kollaboration geklärt werden. Bei SARS-Co-V2 verlieren wir nach wie vor wertvolle Zeit.

Maßnahmen der Reisebeschränkungen und Grenzschließungen und zur Reduktion der Sozialkontakte (Social Distancing) könnten substanzieller begründet und unabhängig vom politischen System wesentlich früher getroffen werden. Der Stresstest für die Bevölkerung liegt vor allem darin, dass diese Maßnahmen derzeit kaum nachvollziehbar und absehbar sind. Eine vollständigere und agil aufbereitete Datenlage könnte objektiv zeigen, ob Maßnahmen überhaupt nötig sind oder wann sie wieder aufgehoben werden könnten.

Das lindert das Leid der Menschen, die von Einschränkungen betroffen sind. Ein Schaden für die Wirtschaftlichkeit betroffener Länder könnte minimiert werden. Das wird umso wichtiger, da Deutschland unter den Folgen in eine Rezession stürzt, die das Ausmaß vergleichbar mit der Finanzkrise seit 2008 deutlich übertreffen wird5. Die Weltwirtschaft wird nach Überstehen der Coronakrise auf Jahre mit der Kompensation dieser Pandemie zu tun haben. Deshalb ist es wichtig, jetzt die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Politische Entscheidungen haben naturgemäß ein anderes Wesen als rein auf wissenschaftlichen Fakten basierende Empfehlungen. Auch deshalb sollte den zunächst vagen Einschätzungen und dem von vielen Unsicherheiten begleiteten Erkenntnisgewinn aktiv begegnet werden. Als Teil der Lösung jetzt; und um für die Zukunft vorbereitet zu sein.

Wie könnte dieser Anspruch Wirklichkeit werden?

Es bräuchte eine weltweit verfügbare Plattform, mit der z. B. Mitgliedsländer oder die WHO selbst, (inter-)nationale und lokale Gesundheitsbehörden, einzelne Krankenhäuser und Kliniken und sogar Betroffene und die Bevölkerung selbst ihre Daten mit Forschern und Wissenschaftlern teilen könnten. Dabei sollte Wert darauf gelegt werden, die Anforderungen zur Sicherstellung der Datenqualität und Integrität, zur Systemverfügbarkeit, zur Aggregation und Austausch von Daten aus unterschiedlichsten Computersystemen und zum Datenschutz zu gewährleisten.

Das System müsste prädestiniert sein für die Analyse von Verlaufsinformationen und die Zusammenführung von Diagnose- und Behandlungsdaten. Wissenschaftler können Hypothesen erstellen und diese kurzfristig überprüfen. Insbesondere in der aktuellen Phase rund um COVID-19.

Das Projekt sollte auf offenen Standards beruhen. In einer ersten Ausbaustufe sollte es weltweit als cloud-basierter Dienst zum Einsatz gebracht werden. Normalerweise erfordert die Erhebung komplexer Daten im Rahmen klinischer Studien viele Ressourcen. Zum Beispiel Klinikpersonal, das nicht nur in der Krise knapp wird. Mithilfe funktionaler Automatisierungen würde das Personal von Routineaufgaben entlastet und befähigt die medizinischen Leistungsträger, bessere Entscheidungen zu treffen. PatientInnen würden aktiv eingebunden. Der bei COVID-19 wenig evidente, von asymptomatisch über milde bis zu schwer einzustufende Verlauf kann schon während der Erkrankung und besonders im Zuge der fortschreitenden Genesung begleitet werden. Langzeitschäden für die Lunge und Organe werden derzeit nicht ausgeschlossen. Dabei muss der Patient die volle Souveränität und Kontrolle über seine Daten behalten. Ein entscheidender Faktor für weitere Erkrankungswellen und um andere Epidemien in der Zukunft wirkungsvoll zu begegnen.

  1. Pressekonferenz des RKI vom 20.03.2020
  2. Deutscher Bundestag, Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz (2012) in Zusammenarbeit mit dem RKI – Drucksache 17/12051
  3. Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz. (2012). Deutscher Bundestag.
  4. Bäuerle, Anne (Springer Medizin, N. (2020) COVID-19-Patienten berichten über Geruchs- und Geschmacksverlust | springermedizin.de. Available at: https://www.springermedizin.de/covid-19/infektionen/geruchs–und-geschmacksverlust-bei-covid-19/17809706 (Accessed: 21 March 2020).
  5. ifo Geschäftsklimaindex bricht ein (vorläufige Auswertung 19. März 2020) | ifo Institut (no date). Available at: https://www.ifo.de/node/53907 (Accessed: 21 March 2020).

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.
Mein Zeitgeschenk an Sie oder Dich. Ein Moment Aufmerksamkeit und Meinungsaustausch für Deine Themen. Gern als erste Kontaktaufnahme.

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