Das Gesundheitssystem erodiert hin zur datengetriebenen Medizin

Wer sich ernsthaft mit den spielverändernden Errungenschaften der letzten zehn Jahre auf der technologischen Seite unserer aller Leben auseinandersetzt, kommt unweigerlich zu dem Schluss, dass wir längst in einem neueren Zeitalter leben. Immer häufiger ist zu hören, dass es weniger um das „ob“ als mehr um das „wie“ geht. Die kulturellen Wachstumsschmerzen sind noch lange nicht überwunden. Doch als Gesellschaft spüren wir den Ruf nach aktiver Gestaltung lauter als den des Widerstands durch passives Aussitzen. Das gilt insbesondere für Veränderungen, die sich aus anderen Lebenskontexten auf das Gesundheitsgeschehen übertragen.

Dem Leser möge eine weitere Abhandlung zu den Veränderungen, die allein das Smartphone mit sich brachte, an dieser Stelle erspart bleiben. Auch Postulate welcher Stellenwert Künstlichen Intelligenzen unter Berücksichtigung von Big Data oder der Blockchain als dezentralisierte Vertrauensinstanz zugeschrieben werden, helfen in diesem Moment nicht weiter. Häufig nutzen wir bereits vieles von dem, was nach Zukunftsperspektive klingt in unserem Alltag, ohne es zu bemerken. Oder wir akzeptieren es, weil es nützlich ist. Allein der Unterschied, der sich zwischen Konsumwelt und Gesundheitswelt ergibt, provoziert neue Diskurse um den Wert Gesundheit.

Wir gelangen an den Punkt, an dem sich junge Menschen, die mit den medialen und digitalen Errungenschaften Ihrer Zeit aufgewachsen sind einem medizinischen Studium zuwenden. Sie haben es unter dem Einfluss dieses neuen Rhythmus einer granulierenden Welt gerade durch die Kreidezeit in der Schule geschafft und sich bis zum Abitur durchgeschlagen. Unter Ihnen sind die Ärzte unserer Zukunft, die jetzt das mit einer Regelstudienzeit von 12 bis 13 Semester in Deutschland zu absolvierende Medizinstudium aufnehmen. Sie verbringen etwas mehr als 6 Jahre auf der Hochschule bevor sie in den klinischen oder ambulanten Alltag integriert werden. Und auch dann schließt sich meist noch eine bis zu fünfjährige Ausbildung zum Facharzt an. Eine Ausbildungszeit, die in etwa den Zeitraum bemisst, der zuletzt die grundsätzlichen Veränderungen brachte. Diese Veränderungen haben sich manifestiert auf die Art und Weise, wie wir kommunizieren, wie wir einkaufen, Entscheidungen treffen, unsere Wahrheit von der Welt im postfaktischen Zeitalter entwerfen.

Der Ernst des Lebens nach dem Medizinstudium

Für die jungen Medizinstudierenden geht es um eine weitere Dekade an gesellschaftlichen Veränderungen, die jetzt – einmal mehr – erst richtig beginnt. Denn die letzten zehn Jahre wurden bestimmt von der Digitalisierung unserer kosumgesteuerten Lebensbereiche. Allem voran wurde das Paradigma, wie wir miteinander kommunizieren, völlig neu erfunden. Freilich hatte das und behält das seine seine Wirkung auf das Gesundheitsgeschehen parallel. Doch was sich jetzt logisch fortsetzt, wird den Arztberuf, wie wir in einst kannten, vollständig umkrempeln.

Allzu gegenwärtig blicken wir auf die Entwicklungen, die aus einem paternalistisch betreuten Patienten den autonomen und souveränen e-Patienten gemacht haben. Der Patient, der sich medial ausgestattet vom leidenden Betroffenen zum selbstbestimmten Projektleiter für die eigene Gesundheit entwickelte. Auch wenn das viele immer noch nicht wahrhaben wollen. Zu traditionell wirkt ein Montagmorgen im Wartezimmer einer hausärztlichen Praxis in einem deutschen Mittelzentrum. Fast idyllisch spendet dieses Bild Vertrauen, im Gesundheitswesen würden die ins Haus stehenden Veränderungen nicht so schnell durchschlagen. Zu spät. Haben sie schon.

Eine kürzlich durchgeführte Delphi Studie, die mir in ihrer vollständigen Auswertung noch nicht vorliegt, zeigt jetzt schon einen klaren Trend. Der Arztberuf verlangt spürbar heute schon nach mehr Datenkompetenz, die von medialen Fähigkeiten begleitet wird. Der Patient kommt heute bereits – seiner Meinung nach – aufgeschlaut in die Praxis, konfrontiert den Arzt mit seinen eigenen Daten oder zieht eigene Schlüsse hinsichtlich der Wirksamkeit von Verordnungen. Auch wenn mittlerweile verstanden wird, dass nicht alle Informationen im Internet hilfreich sind. Bis auf den einen oder anderen individuellen Rat des Arztes gibt es kaum umfänglich Gelegenheit, seine Krankheit mithilfe der ambulant tätigen Praxen und den Kliniken zu verstehen. Das Thema Gesundheitskompetenz ist eines der größeren Herausforderungen, die sich vor allem auf dem Feld der Medialisierung in Folge der Digitalisierung abspielen dürfte. In der vergangenen Woche gründete sich das Deutsche Netzwerk Gesundheitskompetenz in Köln, das sich nicht nur einer besseren Aufklärung der Patienten durch den Arzt verschreibt, sondern sich mit seinem Satzungsziel der Gesellschaft verpflichtet, ein gelingendes Leben unter Berücksichtigung individueller Bildungsoffensiven zur Befähigung der Gesunderhaltung und der Krankheitsbewältigung zu ermöglichen. Dazu will man geeignete Methoden erforschen und sich aktiv einmischen.

Gar nicht erst zu erkranken wird berechenbar

Nach der Kommunikation, die sich vernetzter denn je und weiterhin neu erfinden wird, stehen wir auf der Schwelle zur datengetriebenen Medizin, die noch wesentlicher den Patienten berücksichtigt, weil dieser an der Erstellung einer Diagnose maßgeblich beteiligt sein wird. Ganz zu schweigen von seiner Fähigkeit, sich im Rahmen einer Therapie befähigt einzubringen. Künftig geht es nicht nur in der Medizin um mehr Präzision, sondern in aller erster Linie um eine präzisere, weil individuellere Kommunikation zwischen allen Beteiligten. Medizin, ob intervenierend oder sprechend, kommt nicht mehr von der Stange und beruht häufiger den je auf Daten, die allesamt in den Prozess einbringen. Ärzte informieren andere Ärzte mithilfe eines Datenaustauschs. Patienten bringen Ihre Daten mit ein.

Ich hatte es an anderer Stelle bereits erklärt. Wenn Apple uns als Gesundheitskonsumenten und Selbstoptimierern ein Armband bietet, mit dem man sein gesundes Herz so lange vermisst, bis eine Musterabweichung im Vergleich zu Millionen anderen Datensätzen auf eine potenzielle Erkrankung hinweist, geht es nicht mehr um die medizinische Kunst der richtigen Diagnose nach Erkrankung, sondern um die Bestätigung einer Annahme. Je länger immer mehr Menschen auf derartige Sensorik zurückgreifen, desto genauer geht das vor sich und denkbare Fehldiagnosen und falsche Panikmache sind dann keine Argumente mehr. Möglicherweise werden Menschen in zwei Jahrzehnten – einfachere Erkrankungen betreffend – gar nicht mehr krank. Die Auswirkungen darauf, was die Gesellschaft als gesund bewertet und wann die Konsultation eines Arztes notwendig erscheint ist heute schon eine andere.

Wenn es gelingt, dass wir die Heilung von Krankheiten bald schon individuell berechnen könnten, wird in der Medizin kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Und das betrifft auch die Ausbildung. von Ärzten, die im formellen Umbau ihrer Routinen und Leitlinien darauf kaum geeignete Reaktionen hervorbringt, die zum neuen Paradigma passen.

Kommen wir zurück zum Medizinstudenten im Jahre 2019. Trotz angestrebter Reformierung des Medizinstudiums darf prognostiziert werden, dass die Studenten, die ihr praktisches Jahr im Jahre 2024 antreten und dann noch bis etwa 2030 ihre Facharztausbildung absolvieren unter den Veränderungen schmerzhafter zu leiden haben, als die Ärzte, die fast schon altersmilde auf die letzten Jahre schauen. Wer heute noch 10 bis 15 Jahre als Arzt tätig ist, beruhigt sich, weil die umfassenden Veränderungen nicht über Nacht kommen und man wohl kaum mehr betreffen sein wird. Im Gegenzug darf davon ausgegangen werden, dass die Abbruchraten im Medizinstudium deutlich steigen. Immer mehr Studierende erkennen, dass sie möglicherweise auf dem falschen Weg sind. Wenn die klinische Idylle zunächst ablenkt, was draußen wirklich vor sich geht, weil man Menschen helfen darf und die eigene Selbstwirksamkeit als Arzt nicht gleich hinterfragt wird. Wer abends aus seiner Klinikfilterblase heraustritt, sieht unter Umständen die Vorboten des neuen, medizinischen Paradigmas am Horizont aufleuchten und fragt sich, was macht das mit mir?

Verweiblichung des Arztberufs

Außerdem erleben wir die Feminisierung der Medizin. Ein in Teilen zu begrüßender Umstand, der allerdings auch neue Lebenskonzepte und damit kulturelle Herausforderungen in die medizinische Welt der Karrieren bringt. Letztes Jahr forderte die Professorin für Herzchirurgie und CDU Abgeordnete Claudia Schmidtke eine Männerquote für das Medizinstudium. Gerechtfertigt oder nicht. Das Statistische Bundesamt vermeldete quasi zeitgleich, dass sich der Anteil der Frauen in akademischen Studiengängen mit einem Hochschulabschluss verdoppelt habe. Die Medizin profitiert davon überdurchschnittlich. Eine ganz untechnische Entwicklung, die aber berücksichtigt werden muss. Auch die Diskussion um den Sinn eines Numerus Clausus dürfte bald wieder sehr konkret geführt werden. Ärzte müssen künftig daten- und medienkompetent sein auf einem neuen Niveau und dabei ihr Empathievermögen nicht verlieren. Es geht als nicht nur um die Auswahl geeigneter Kandidaten für einen Studienplatz, sondern um die richtigen Kombination der Fähigkeiten, die der NC heute nicht berücksichtigt. Der Arztberuf wird also einerseits extrem interessant. Andererseits verlangt es nach neuen Skills, die in ihrer Kombination nicht mehr zum traditionellen Studium passen dürften. Die Zukunftsfähigkeit des Berufsbilds hängt davon ab, wie ich mir als künftiger Arzt neben dem traditionellen Medizinstudium bis zur Approbation ergänzende Kompetenzen aneigne, die mich ab 2030 im System halten.

Denn soweit scheint heute schon klar zu sein. Das Gesundheitssystem, wie wir es heute kennen, wird in 10 Jahren ein anderes sein. Diese Behauptung, die schon seit 10 Jahren in jedem Jahr gültig wiederholt werden darf, bleibt auch künftig unbestritten. Wandel ist immer. Und Zukunftsmedizin passiert auch ohne digital. Schon durch die allgemeine, medizinische Entwicklungsfähigkeit. Jetzt wird die immer schon datengetriebene Medizin ihren Quantensprung erleben und die Konvergenz aus professioneller Bewertung und mithilfe von Daten assistierenden Systemen beschleunigt. Hinzu kommen neue Größen, die sich einschalten. So wurde in der letzten Folge des e-Health Podcast spekuliert, dass sich im Jahr 2019 die großen Datenunternehmen aus den USA ihr Versteckspiel aufgeben und systementscheidend in Erscheinung treten. Vom Projekt Amazon 1492 ist seit einiger Zeit weniger zu hören. Aber dort dreht es sich wohl nicht nur darum, dem Amazon Prime Kunden etwas smarter OTC Medikamente unterm Ladentisch zu verkaufen. Zumal die sogenannten GAFA, also Google, Apple, Facebook und Amazon sich nicht auf den national geprägten deutschen Markt spezialisieren, sondern auf ein globales Gesundheitsgeschehen. Vor allem Gesundheitssysteme, die nicht zur Weltspitze gehören, werden sich den Vorschlägen der datengetriebenen Medizin unter Hoheit neuer Player einfacher zuwenden können, als ein verkrustetes, deutsches Gesundheitswesen, das immer noch glaubt, die digitale Medizin müsse im System integriert werden. Es wird anders passieren. Das System erodiert in Richtung der datengetriebenen Medizin und verlässt sein nationales Gehege. Spätestens wenn Europa mit weiteren finanziellen Herausforderungen konfrontiert wird, was in den nächsten zehn Jahren nicht ausgeschlossen werden kann, muss über ein europäisches Gesundheitsprojekt nachgedacht werden. Sodann wäre der Begriff Erosion eher milde.

Vielleicht schüttelt der Leser nach diesen Zeilen mit dem Kopf, weil er die hier geäußerten Annahmen als überzogen und weltfremd abtut. Sicher kommt es anders und zweitens als man. Insbesondere wenn der Verfasser der Beitrags heute denkt und in die Glaskugel schaut. Worin wir allerdings einig sein sollten. Die sich mit der Vernetzung und Kapazitäten an Rechenleistung wirkenden Veränderungen machen keinen Halt mehr vor den heute gültigen Routinen im Gesundheitsgeschehen. Im Besonderen wird das so erfolgreiche Beharrungsvermögen des deutschen Gesundheitssystems von den globalen Entwicklungen eingeholt werden. Vielleicht nicht dieses oder nächstes Jahr. Und es gleicht keinen Tsunami, der alles hinwegfegt. Es schleicht sich hinein. Wie das, was wir heute, milde zurückblickend als entscheidende Errungenschaft bewerten.

Die künftigen Errungenschaften, die unsere Welt in zehn Jahren verändert haben werden, sind bereits da und es gilt, diese Errungenschaften freizulegen, zur Diskussion zu stellen und gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Dieses neue Blog im Angebot von Health & Care Management will dazu seinen Beitrag leisten und als Blogger und Verfasser freue mich drauf mit Ihnen in einen regen Dialog zu kommen.

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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