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Gelassene Ehrenpflegas - gereizte Pflege

In den Echokammern der sozialen Medien hat sich ein Sturm der Entrüstung über die Miniserie Ehrenpflegas entladen. Die Pflege sitzt auf der Palme. Satire zieht das Vorhaben als gefundenes Fressen durch den Kakao. Branchenfremde mischen sich ein und benehmen sich wie die Kumpels von Serienfigur Boris 

Andere wagen vielleicht genau wegen der Art, wie sich diese Kurzserie zur generalistischen Pflegeausbildung präsentiert, einen Blick in ein Berufsbild aus der Mitte der Gesellschaft.

Ich war kurze Zeit Dozent für Medienkompetenz am Evangelischen Bildungszentrum für Gesundheitsberufe in Stuttgart und darf mitreden. Zumindest für den Teil, der medientheoretisch ausgeleuchtet werden kann. Als medienschaffender Blogger in der Gesundheitswirtschaft werfe ich also einen Blick auf das Projekt des Bundesfamilienministeriums. Frau Giffey hat übrigens ihren Cameo-Auftritt bekommen. Dafür muss man allerdings bis zur 5. Folge schaffen. 

Legt man die Zugriffszahlen auf YouTube zugrunde, schaffen es die meisten nicht über die erste Folge hinaus. Doch gerade Pflegende, die sich gerade maximal echauffieren, rate ich, die Sendung bis zum Ende anzuschauen.

Und der Spoiler vorab: Das Projekt ist nicht nur mutig, sondern auch gelungen. Wie komme ich zu diesem Schluss?

Mein Name ist Boris und ich geh´ 1. Klasse Pflege

Ehrenpflegas ist kein Imagefilm

Mal ganz allgemein festgestellt: Imagefilme erkennt man meist an einer strotzenden und manchmal triefenden Selbstbezogenheit. Diese Filmchen vernichten wichtige Ressourcen der Unternehmen, die sie erfinden. Sie stehlen die Lebenszeit ihrer Zuschauer. Sie provozieren am Ende vor allem Enttäuschungen und bieten Anlass, reale Verstöße am medialen Abbild zu messen. Vor allem, wenn sich Gesundheitseinrichtungen mit zu geringem Budget an ein solches Vorhaben heranwagen, kommt selten etwas heraus, das sich dialogisch für ein Gespräch mit den Anspruchsgruppen eignet. Denn Imagefilme sollen die eigene Großartigkeit an möglichst viele Abnehmer für diese Art von Inhalt erreichen.

Die Mutter aller Imagefilme zeigt eindrücklich, wie mit reiner Phasendrescherei aus jedem Unternehmen ein Marktführer wird. Ich leugne nicht, dass es einen identitätsfördernden Effekt hin zur Belegschaft geben kann. Doch Ratsuchenden, die eine Gesundheitseinrichtung in Anspruch nehmen oder Kunden, die echte Partner für ein größeres Projekt suchen, sollte man eher mit medialen Hilfestellungen begegnen, die zu ihrer jeweiligen Situation passen.

Ehrenpflegas ist keiner dieser Imagefilme. Und das ist gut so. Mag es beim Streaming-Dienst des Vertrauens einfach sein, eine Serie vom Kinofilm zu unterscheiden, hat die mediale Konditionierung bei manchen Bewegtbild-Konsumenten durch eine allgegenwärtige Schlacht um Inhalte auf mobilen Endgeräten offenbar dazu geführt, dass viele gerade nicht mehr verstehen, dass Ehrenpflegas nicht das Image für den Pflegeberuf aufpolieren will. Das Serienformat trifft den Zeitgeist, will aber nichts verkaufen, was schwer zu vermitteln ist. Es geht nicht um anbiedernde Verherrlichung von hässlichen Umständen und auch nicht um politische Schönmalerei. Die als naiv und tumb Charaktere der Miniserie Ehrenpflegas sind nicht einmal die Wunschkandidaten, die man sich in der Pflege wünscht.

Genau diese falschen Annahmen werden allerdings in Vorwürfen formuliert. 

Viele Pflegende schämen sich in Grund und Boden, finden die Pflege nicht professionell repräsentiert und wünschten sich mehr Respekt. Geschenkt. Leider vergessen die Kritiker zu beschreiben, wie sie es besser machen würden. Das ist nämlich gar nicht so leicht. Ich denke seit Jahren darüber nach und wahrscheinlich lässt sich Pflege in all seiner Ambivalenz aus Wunderherrlichkeit und erschreckendsten Erfahrungen nicht auf den Punkt bringen. Weder in Imagefilmen, noch in Miniserien. Aber noch einmal. Das ist auch nicht der Plan. 

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass YouTube-Angebote in ihrem vernetzten Wesen kaum mehr isoliert an eine bestimmte Zielgruppe ausgeliefert werden können. Der Philosoph Bernhard Pörksen aus Tübingen formuliert das in seinem Buch Die gereizte Gesellschaft in etwa so: Wir als Bewohner des Weltinnenraums der vernetzten Kommunikation werden in eine Art der Nachbarschaft hineingezwungen und mit einer Transparenz der Differenz konfrontiert, die uns im Letzten überfordert. Demnach muss sich Pflege aufregen und Satire bemühen, das Thema durch den Fleischwolf der Lächerlichkeiten zu drehen. 

Das ist ein Knick unserer Zeit. Viele Pflegende, die sich aufgeklärt erwachsen fühlen und jetzt zu einer Bewertung über Ehrenpflegas kommen, wurden massenmedial sozialisiert und werden diese Miniserie niemals verstehen (wollen). Die jüngeren, wie der mit seiner Kanzlerinnenkritik bekannt gewordene Alexander Jorde, äußern sich natürlich auch. Doch jene, die zu einer weniger gereizten Einschätzung kommen, sagen eben nichts dazu. Und die meisten Menschen werden weder die Serienfolgen noch die Aufregung darum ernsthaft mitkriegen.

Doch ich bin sicher, dass in intimsten Momenten der ein oder andere die Serie bis zum Ende schaut und sich nicht mit den Protagonisten vergleicht, sondern sein Intellekt dafür nutzt, dass er sich das Berufsbild Pflege doch genauer anschaut.

Ich habe die Serie Ehrenpflegas bereits in branchenfremden Kreisen herumgereicht und erhalte von dort eher heiteres Feedback. Und diese Rückmeldungen scheinen dann für eine neue Perspektive zu sorgen, was die Auseinandersetzung eher fördern kann, als zu einem vernichtenden Urteil über die Pflege zu kommen. 

Mal ehrlich. Warum sollte sich die Pflege nicht gesellschaftlich engagieren? Bei Ausbildungsabbrechern und Patch-Work-Karrieristen, die einfach für sich das richtige nicht finden und während der ganz persönlichen Sinnsuche mit dem Gebaren der Serienfiguren ins Grübeln kommen. Vielleicht weil sich jeder (auch nicht Pflegende) in der ein oder anderen Facette wiedererkennt.

Das versteckte Anliegen

Der Serie geht es darum, eine ganz bestimmte Peer-Group in der jüngeren Schicht unserer Gesellschaft zu zeichnen und zu erreichen. Und zwar junge Menschen, die sich bislang wenig bis gar nicht mit dem Pflegeberuf auseinandergesetzt haben, oder die eine völlig falsche, oberflächliche und damit realitätsferne und teils überheblich vernichtende Vorstellung zur generalistischen Pflegeausbildung haben. Natürlich verreißt der Film in einzelnen Situationen durch seine verdichtete Machart beim Einblick in die tägliche Arbeit der Pflege das, was die Wirklichkeit des Pflegeberufs sein kann. Auch wird er nicht allen Facetten der herrschenden Jugendkultur gerecht. Das ändert nichts am Anliegen des Films, das man zwischen den Zeilen (Szenen) gut erkennen könnte, wenn man denn wollte. 

Und dieses Anliegen ist legitim. Denn wir wissen seit vielen Jahren, dass die Orientierungslosigkeit der Jugend nicht rein selbstverschuldet ist. Da wäre zum Beispiel die Vielfalt an Möglichkeiten, die unsere Gesellschaft jungen Menschen bietet und gleichzeitig suggeriert, dass jede Festlegung eine Reduktion dieser Möglichkeiten erzwingt. Ausbildung oder Studium? Aber Studium ist geiler und mit Philosophie kann ich in einer Wissensgesellschaft später fast alles machen. Insofern das Projekt tatsächlich besser zum Jugend- und Familienministerium passt. Hätte Jens Spahn aus dem Bundesgesundheitsministerium die Serie produzieren lassen, würde ich jede Kritik unterschreiben. Diesen Kontext dürfen wir bei aller Aufregung nicht vergessen.

Wer setzt sich mit den Fakten des Pflegeberufs auseinander, der schon mit dem Begriff Bettpfanne schafft, alle oben angesprochene Reduktion an Möglichkeiten auf sich zu vereinen? 

Natürlich geht es auch um ein mit Patina besetztes Bildungsnarrativ, das eben nicht jedem jungen Menschen alles verspricht. Zwischen allen Möglichkeiten und keiner Möglichkeit wählen zu müssen, liegt in unserer Gesellschaft oft sehr nah beieinander. Daran ändert auch eine generalistische Pflegeausbildung nichts. Trotzdem kann, eine Ausbildung in einem Pflegeberuf zu absolvieren, Orientierung, Hoffnung und Sinn anbieten und genau das ist es, was ich erkenne, wenn ich mich in die Protagonisten der Kurzserie hineinversetze. Denn in dem Streifen geht es um einen Prozess der Selbstwerdung. Verstärkt mit dem medialen Brennglas verdichtet die Serie eine Stufe des Erwachsenwerdens auf weniger als eine halbe Stunde. Vielleicht wäre das Format Telenovela geeigneter?

Hirschen Group
Constantin Television

Das Spiel der Ehrenpflegas mit den Attitüden der Jugend

Die insgesamt 5 Kurzfilme entlarven die Reflexe der jugendlichen Selbstüberhöhung auf wunderbar unterhaltsame Art und Weise. 

Boris schließt man in seiner stolprigen Art schnell ins Herz. Den kühlen Kern unter Mirays harter Schale will man irgendwie mit einer Wärmflasche behandeln. Wer zu viel von der Netflix-Serie Dark gesehen hat, schafft es natürlich nicht, Jonas auszublenden. Die Romanze zwischen ihr und Ehrenpflega Boris scheint ab der Situation auf dem Sofa, als sie sich Sorgen um ihn macht, fest verabredet. Für Fans von Herzkino nach Rosamunde Pilcher ist das die eigentliche Enttäuschung der Serie. 

Und diese Potter, die sich hinter Büchern, intellektuellem Pseudoaktivismus und Gesäusel über weltanschauliche Großwetterlagen wie der Sorge um den Klimaschutz verschanzt, kennen wir doch auch alle; nicht nur aus Schulzeiten. Ich bin mir sicher, dass manche Menschen, die wir täglich in einer Gesundheitseinrichtung treffen, den Absprung aus dieser Art von Pubertät immer noch nicht geschafft haben.

Die Ehrenpflegas vereinen viele Aspekte einer ganzen Jugendkultur auf drei Figuren. Das strotzt vor Klischees, lässt aber immer auch Haltung aufblitzen. Wer sich hier als Angehörender des Pflegeberufs angegriffen fühlt, weil er sich nicht repräsentiert fühlt, überfordert die Serie ganz sicher. 

Besonders gut gefallen hat mir die Folge „Zukunft“, in der skizziert wird, dass es wie in jedem Beruf Aufstiegschancen gibt. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, wurde angehenden Gesellen früher mit auf den Weg gegeben. Entbehrungen der ersten Berufsjahre führen im ersten Augenblick immer zu den angesprochenen Reduktionen nach der Festlegung. Das gilt für die Pflege wie in jedem anderen Beruf.

Doch da gibt es diesen Silberstreif am Horizont. Auch, wenn über die Entlohnungsfrage noch zu sprechen sein wird. Immerhin kommt die Ausbildungsvergütung in der Serie zur Sprache. Sich davon ein Cabrio und den Anteil an einer WG in einer deutschen Großstadt zu leisten, wird natürlich zu kurz dargestellt.

 

Die asymmetrische Ansprache

Nicht jeder im Alter der Protagonisten sucht die Karriere. Und nicht jeder Jugendliche, der die Übergangszeit zwischen Schule und Ausbildung oder Studium mit sich diskutieren muss, wird von der Serie überzeugt. Doch sie trifft einen Nerv bei denen, die derzeit noch mit den falschen Leuten abhängen, die im Zweifel ein BWL Studium abbrechen. Menschlichkeit, Solidarität und die nationale Priorisierung von Gesundheit vor Wirtschaftsinteressen sind Blitzlichter der Pandemie. Auch deshalb kommt die Serie zur rechten Zeit.

Die bewusst gewählte Asymmetrie zwischen Gesundheitsberuf und pubertären Geburtswehen der Serienhelden ist ein Wurf, der aus meiner Sicht nicht aus dem Home-Office heraus verrissen werden darf. Denn dort vermute ich all jene, die sich jetzt öffentlich zur Serie mitteilen.

Jene aus der Pflege, die ich in sozialen Netzwerken treffe, sind aus meiner Sicht bereits politisch unterwegs. Wo sind die echten Stimmen von Station? Kann die mal jemand einfangen?

Ich würde gern tiefer graben und freue mich deshalb über Kommentare, die unmittelbare von den Generälen der Pflege kommen. Ergänzt gern Eure Überlegungen hier unten als Kommentar. Oder schickt mir eine Videobotschaft über Whatsapp oder Telegram. Gern biete ich auch ein Zeitgeschenk zur persönlichen Diskussion

Berichtet doch mal, was Euch ganz besonders gut an der Serie Ehrenpflegas gefällt. Vielleicht gibt es da einzelne Szenen, in denen die Ehrenpflegas Euch besonders berühren. Warum ist das so? Was macht das mit Euch?

Ehrenpflegas: Alle 5 Folgen hier im Blog

Ehrenpflegas: Der Realitycheck

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