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Zur Distanz und Resonanz in Gesundheitsbeziehungen

Der ambivalente Begriff Distanz mäandert irgendwo zwischen Gebot und Privileg. Zur Distanz hat man als Einzelner seltener eine eindeutige Haltung. Die Resonanz hingegen erscheint im soziologischen Sinne noch fremd. Doch die Resonanz bewirbt sich als neuer Antagonist zur Distanz. Noch mehr physische Nähe mit einer noch höheren Frequenz schadet der Gesundheitsbeziehung zwischen Patient und Arzt. Wie ist das gemeint?

Die Tatsache, bestimmen zu dürfen, wer mir physisch und psychisch nahe kommen darf, ist eine Errungenschaft der Moderne. Das Privileg, autonom bestimmten zu dürfen, wer mir auf den Leib rückt, ist noch jung. Insbesondere zivilisierten Gesellschaften vergessen oft, dass es nicht selbstverständlich war und es bis heute in vielen Kulturen noch nicht ist, sich zurückziehen zu können. 

Erst mit dem Gebot des sogenannten Social Distancing während der Coronakrise wurden wir daran erinnert. 

Ausgerechnet in dem Moment, in dem wir die physische Distanz neu üben mussten, entdeckten viele Menschen den Zugang zu Medien, die sie bislang eher weniger interessierten. Schließlich steht die Medialisierung unserer Gesellschaften unter dem Verdacht, aktive Trennung zu arrangieren. Echte physische Kontakte lassen sich auf das nötigste beschränken. Wie schnell ist eine Nachricht mit dem Smartphone geschrieben. Zulasten einer echten Begegnung.

Das Smartphone als omnipräsentes Faszinosum unserer Zeit treibt die Medialisierung des allgemeinen Gesundheitsgeschehens mit voran. Auch digitale Gesundheitsanwendungen können genutzt werden und mit dem Wunsch des Gesetzgebers soll dies zukünftig auch unter Mitwirkung und Legitimierung von Ärztinnen und Ärzte passieren. 

Bislang setzte das Verhältnis zwischen Patient und Arzt meist auf die persönliche Begegnung. Sehen wir einmal von Selbstmedikation und der Recherche nach Gesundheitsinforationen im Internet ab. Wenn wir ehrlich sein wollen, sind alle Mechanismen und Prozesse im Gesundheitswesen sind derzeit noch so ausgelegt und kultiviert, dass der Arztbesuch als Event zu begreifen ist. Das bleibt sinnvoll. Doch vielleicht nicht in jeder Hinsicht.

Jetzt nachfolgende Generationen sehnen sich bereits nach alternativen Szenarien. Natürlich gibt es kein Bedürfnis nach Videosprechstunden oder anderen medialen Anwendungen. Es geht um Bequemlichkeit. Sind wir mal ehrlich. Die meisten Menschen wollen ihren Arzt gar nicht sehen. Sie wollen gesund sein oder ihre Krankheit im Griff haben. 

Viele Ärztinnen und Ärzte berichten unter der Pandemie, dass PatientInnen sich bewusst gegen den Arztbesuch entscheiden. Die Nachfrage nach Videosprechstunden steigt. Nicht jede Arztpraxis kann oder will dahingehend ein Angebot machen. Dabei wäre es sinnvoll, zwischen Männerschnupfen und chronischen Erkrankungen zu unterscheiden und hinsichtlich der Nähe neue Angebote zu formulieren. Im hybriden Gewand  aus echter und medialer Begegnung könnten Distanzen überwunden werden; ja eine neue Nähe zwischen ÄrztInnen und ihren PatientInnen könnte sich einstellen.

Eine professionell gelebte Distanz könnte sich als Segen etablieren und eine neue Resonanz erlauben, wenn eine Arztpraxis es versteht, unkritische Beratungsanlässe im Sinne einer neuen Convenience für beide Seiten neu zu gestalten. Mit der gebotenen Distanz, die es Ärztinnen und Ärzten erlaubt, die Nähe sicherzustellen, die chronisch leidende Menschen dringender benötigen als die AU-Bescheinigung an einem Montagmorgen.

Distanz als Prinzip neu würdigen

Nutzen Sie doch das nächste Teammeeting, um sich neben den anstehenden Notwendigkeiten, mit ihrem Team zu besprechen, wie sie die Begegnung mit den PatientInnen, die eine Praxis aufsuchen oder anderweitig in Anspruch nehmen neu erfinden. Vielleicht wird sogar ein Workshop daraus, der sich konkret den Szenarien in Ihrer Praxis widmet.

Was ließe sich sofort verändern? Oder gibt es gar Ideen und Überlegungen, das Verhältnis zu ihrem Publikum vollständig neu zu erfinden? Was bräuchte es dafür?

Gern helfe ich Ihnen, sich zu orientieren. Nutzen Sie dazu gern mein Zeitgeschenk für eine erste Diskussion. 

Kuratierte Lerninhalte

Schlüsselbegriffe

Resonanz, Nähe, Gesellschaft, Abstand, Flüchtlingslager, Persönliche Distanz, Berührungsfurcht, Abstandsrecht, Rückzug, Einsamkeit, intime, persönliche, gesellschaftliche, öffentlich, Distanzzone, Masse, Bleib mir vom Leibe, Nachbar, Schutz, Sozialwissenschaften, Berührung, Näherkommen, Psychische Notwendigkeit, Umarmung, Berührungsmangel, Stress, individuelle Distanz, erzwungene Distanz, Geborgenheit, Selbstwirksamkeit, Resonanzbeziehung, Gesundheitsbeziehung, Weltverhältnis, Haltung, Stabilität, Entfremdung, Resonanz.