EN DE

Herodikos ist eine DiGa für Bewegungstherapie

Frank Stratmann
Zwischen den Zeilen verrät Herodikos nicht nur etwas über sich

Über den Podcast von Tobias Krick bin ich auf Herodikos aufmerksam geworden. In seiner zweiten Interviewfolge des Podcasts stellt sich die im Antragsverfahren des BfArM steckende digitale Gesundheitsanwendung für Bewegungstherapie vor. Das Gespräch mit Eva Schobert dreht sich um den Einstieg in die Selbstständigkeit als Ärztin in einem kleinen Team für eine digitale Gesundheitsanwendung.

Lies diesen Beitrag und prüfe danach, ob Du Lust hast, beim HealthHack20 dabei zu sein. Viele Aspekte, die hier besprochen, lassen sich im Miteinander besser diskutieren. Wir freuen uns auf Eure Anmeldung. Gern beantworte ich auch Deine Fragen zum HealthHack20 persönlich

Tatsächlich wird seit einiger Zeit klar, dass Entwicklungen rund um eine eher digitale Gesundheitsversorgung vor allem von jungen Ärztinnen und Ärzten ausgehen dürfte. Die Phase in der allein Betroffene eine Gesundheitsapp entwickelten ist sicher nicht vorbei. Doch die Mühe, die vielen Nöte und die Risiken, sich mit einem Geschäftsmodell im Gesundheitsmarkt und vor allem in der Regelversorgung zu positionieren, das von den Hauptakteuren noch weitestgehend kritisch gesehen wird, schreckt längst ab und misslingt häufig schon auf den ersten Metern. Das ist natürlich nur ein Bauchgefühl, weil die vielen guten Ideen in kreativen Köpfen über erste Skizen und Ideenblätter oft nicht einmal hinausreichen und bekannt werden. So dreht sich das Gespräch vor allem um das Wagnis, sich als Ärztin oder Arzt neu zu entdecken.

Zwischen den Zeilen verrät Herodikos nicht nur etwas über sich

Was im Prinzip jedem Gründer so geht, ist für die Entwicklung einer Gesundheitsapp noch einmal etwas anderes. Schließlich geht es – wer es gut meint – um eine seriöse Anwendung. Medizinisches Wissen, Anwendbarkeit in Gestalt einer Therapie und sich als täglicher Begleiter bei Betroffenen zu etablieren, ist nicht zuletzt deshalb eine Herausforderung, weil wir im Jahr 2020 noch im Übergang zwischen zwei medialen Paradigmen stehen. Während die einen sich digitalen Szenarien gegenüber aufgeschlossen zeigen, ist nach wie vor eine ausgeprägte Zurückhaltung z. B. unter Ärztinnen und Ärzten spürbar. Die aber sind es, die der digitalen Gesundheitsversorgung den Weg ebnen. Therapie ohne unmittelbaren Anwesenheit einer medizinischen Betreuung wirkt auf viele noch zu irritierend.

Vor allem in schwierigen Phasen locke der gesicherte Rückzug ins Gesundheitswesen mit all seinen Facetten der persönlichen Absicherung; auch wenn man dafür seinen Traum aufgeben würde. Das betont Eva Schobert im Gespräch mit Tobias Krick. Hier hilft es, trotz überschaubarer Strukturen zu Beginn mutiger auf mehr externe Unterstützung zu setzen.

Geduld ist für Eva Schobert eine Tugend, die ständig erneuert werden muss. Netzwerken beginnt für die Ärztin schon im eigenen Team. Die stetige Erinnerung an den eigenen Traum im Dialog mit anderen Gleichgesinnten macht resilient und unterdrückt den Reflex der Kapitulation. All das sorgt dafür, den Mut und die Zuversicht nicht zu verlieren.

Herodikos als DiGa

Etwas schade finde ich, dass die Herodikos App ein Close-Shop ist. Nur Ärzte können Therapiepläne freigeben. Die Techniker Krankenkasse bezahlt in manchen Regionen und in Kooperation mit ersten Therapeuten die App heute schon. Ansonsten kündigt Herodikos eine Verfügbarkeit für alle betroffenen Versicherten ab Frühjahr 2021 an. Besser wäre, dem Anwender der App selbst mehr Orientierung zu bieten. Die Nutzerfreundlichkeit kann derzeit nicht geprüft werden. Und es gibt bereits Wettbewerber, die etwas länger mit einer etwas anderen Strategie am Markt sind.

Verordnung nur mit Approbation

Eva Schobert benennt zum Schluss des Podcasts noch ein wichtiges, noch vollkommen unberücksichtigtes Problem, das mit dem Start von immer mehr digitalen Gesundheitswendungen in den Fokus rücken dürfte.

Im Rahmen Ihres Fachs Bewegungstherapie ist eine Verordnung, also die Ausstellung einer Therapielösung auf Rezept, durch Physiotherapeuten nicht vorgesehen. Hier liegt weniger ein Versäumnis des Gesetzgebers vor, als vielmehr ein noch zu diskursiver Aspekt hinsichtlich der Verantwortlichkeiten, den eine zunehmende Granulierung des Gesundheitsgeschehens vorwegnimmt. Damit ist gemeint, dass eingetrampelte Pfade dort nicht mehr funktionieren, wo digitale Gesundheitsanwendungen in Lücken stoßen, was mittelfristig zur Auffächerung des Gesundheitsgeschehens führen wird.

Was wir von der Einführung des Fieberthermometers lernen

Das ist mit dem Fieberthermometer gelungen. Es liegt heute zur Selbstanwendung in jeder Hausapotheke. In den Jahren nach seiner Erfindung sah das noch anders aus. Ärzte zeigten sich reserviert, zunächst die Sensorik ihrer Hand an ein Medium zu delegieren, das auch noch von einer Hilfskraft angewendet werden konnte. Ihr Expertenstatus wurde infrage gestellt. Das ist vergleichbar mit der Delegation von Diagnose und Therapie an eine digitale Lösung oder einen unterstützenden Algorithmus. Heute träumt kein Arzt mehr vom Fiebermessen als zentrale Tätigkeit im Rahmen seiner Daseinsberechtigung.

Für Eva Schobert, Gründerin von Herodikos, hat die digitale Gesundheitsversorgung noch einen langen Weg vor sich. Sie ist jedoch überzeugt, dass Start-ups das Gesundheitswesen und damit das Gesundheitsgeschehen bereichern. Gesundheitsversorgung im Allgemeinen hält sie hinsichtlich all der verschiedenen Mitspieler im Gesundheitsmarkt unübersichtlich. Sicher auch ein Grund, warum sie die Zukunft für spannend hält.


Das Mediale als Ressource diskursiv angehen

Die Diskussionen und eine unverhältnismäßige, weil kostenintensive Betreuung wird uns in den nächsten Jahren stark beschäftigen. Priorisierung orientiert sich nicht mehr allein an Alterskohorten, Risikogruppen oder einer allgemeinen Ressourcenallokation im Gesundheitswesen.

Die Verlagerung eines allgemeinen Gesundheitsgeschehens und in Teilen des speziellen Krankheitsgeschehens ins Mediale ist eine der zentralen Herausforderungen, die derzeit eher vage als digitale Gesundheitsversorgung beschrieben wird.

Mit der mediengestützten Diagnostik und Therapie steht eine wichtige Ressource zur Verfügung, die ein anachronistisch synchronisiertes Gesundheits- und Krankheitsgeschehen sinnvoll entlasten könnte. Die Medialisierung des Gesundheitsgeschehens hat längst begonnen. Die Videosprechstunde etabliert sich unter der Pandemie bereits. Doch auch eine asynchrone Konsultation wird in den kommenden Jahren zunehmend wichtig. Die Medialisierung ist eine logische Folge sogenannter Digitalisierungsbemühungen im Gesundheitsbereich. Ärzte des massenmedialen Paradigmas wollen sich das verständlicherweise nicht so recht vorstellen.

Die ganze Folge mit Eva Schobert kannst Du hier hören:
Und bitte schenkt Tobias Krick ein Abo.

Teile diesen Beitrag

Share on linkedin
Share on twitter
Share on xing
betablogr

betablogr

Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

Nimm Platz in meinem Kalender

Mein Zeitgeschenk an Sie oder Dich. Ein Moment Aufmerksamkeit und Meinungsaustausch für Deine Themen. Gern als erste Kontaktaufnahme.

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.