Ich kenne mich nicht aus

Gesundheitsbeziehungen in einem solidarischen System sollten sich im Wesen eine neue Güte von Zwischenmenschlichkeit anverwandeln. Einerseits um das asymmetrische Wissensverhältnis zwischen Patient und Arzt anzuerkennen. Andererseits um dem sich abzeichnenden Trend entgegenzutreten, Verantwortung und Eigeninteresse gänzlich voneinander trennen zu wollen.

So lapidar wie tiefgründig sind Sätze, die Ludwig Wittgenstein beizeiten erdachte. Dazu gehört auch der Satz: Ein philosophisches Problem hat die Form: „Ich kenne mich nicht aus“. Dieser Satz verweist auf die Argumentation, dass die Philosophie Probleme nicht durch geschickte Kalküle zu lösen sucht. Gemeint ist wohl, es gibt kein formales System von Regeln, das ein Problem damit aus der Welt schafft, in dem man es nur lange genug bedenkt. Es gibt keine Garantie. Zielführender wäre, Probleme auf den Gebrauch der normalen Sprache zurückzuführen.

Probleme sind keine Spezialaufgabe, sondern Phänomene einfacher Irritation, die quasi den Ausruf erzeugen und wir tragen ihn auf der Zunge: Ich kenne mich nicht aus.

Betrachten wir das im Kontext von Krankheit, in die wir geworfen werden, bezieht sich diese Frage nicht nur auf physiologische Zusammenhänge oder eine anzuwendende Medizin. Mag beim Schnupfen viel Evidenz beim Einzelnen angesiedelt sein. Bei chronischen oder lebensbedrohlichen Krankheiten, die das ganze Leben betreffen oder gleich in Frage stellen, ist der Reflex: „Ich kenne mich nicht aus“, mehr als angebracht. Insofern jeder Kranke ein Philosoph sein müsste, der sich in Demut seinem Problem über die Sprache nähert.

Gibt es ein schlüssigeres Plädoyer für Partizipation an der Entscheidungsfindung? Wir sollten nur den Kranken nicht allein lassen. Leider neigen wir im Gesundheitssystem seit einigen Jahrzehnten zu dem Trend, der fortschreitenden Individualisierung in derart zu entsprechen, dass wir als Wissende die Verantwortung von uns weisen und den Erkrankten sich selbst überlassen.

Gesundheitsbeziehungen in einem solidarischen System sollten sich im Wesen eine neue Güte von Zwischenmenschlichkeit anverwandeln. Einerseits um das asymmetrische Wissensverhältnis zwischen Patient und Arzt anzuerkennen. Andererseits um dem sich abzeichnenden Trend entgegenzutreten, Verantwortung und Eigeninteresse gänzlich voneinander trennen zu wollen.

Zu diesem Beitrag wurde ich inspiriert bei Recherchen zum Zitat und diesem Fundstück bei Google Books.

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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