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Klaus Reinhardt: Man kann den Menschen nicht in einer Tour Angst machen

Jeder denkt, er könne es selber entscheiden und tut es dann nicht. Das ist das Dilemma mit den Verboten rund um die Coronakrise.

Gestern Abend habe ich mal wieder bei Markus Lanz vorbeigeschaut. Dort sollte ein echter Philosoph auf einen Hobbyphilosophen treffen. Richard-David Precht hatte sich hier und dort schon einmal naserümpfend über die Ansichten von Frank Thelen geäußert. Und deshalb blieb ich kurz hängen. Ganz am Rand saß dann noch jemand.

Der Präsident der Bundesärztekammer Dr. Klaus Reinhardt war eingeladen, sich gleich neben Gabriele Krone-Schmalz zu setzen. Die hatte Ihr neues Buch zur Diskussionskultur in unserem Land dabei. Warum Klaus Reinhardt anwesend war, erklärte Lanz dann in seinem Eingangsstatement.

Apropos Mentalität und Psychologie. Was meint dieser Satz, wenn er sagt: Man kann den Menschen nicht in einer Tour Angst machen! Und der sagt; mit Blick auf die Intensivstationen im Land: Es gibt überhaupt keinen Grund zur Panik. Wir sind weite davon entfernt, überlastet zu sein, so wie übrigens auch im Frühjahr. Der Mann, der das sagt, ist selber Arzt, Allgemeinmediziner und seit einem guten Jahr auch Präsident der Bundesärztekammer, der nicht nur fordert, auf die Sprache zu achten, sondern der sich auch fragt, wie das eigentlich gehen soll, wenn zum Beispiel Bielefeld im Lockdown wäre. Wer kontrolliert dann, ob ich vielleicht nach Gütersloh fahre? (Quelle)

Markus Lanz zur Vorstellung von Klaus Reinhardt
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Klaus Reinhardt als Galionsfigur der Maskengegner?

Die Gesprächsrunde begann dann auch mit Reinhardt und die nächste viertel Stunde folgte eine Art Versuch, durch Schwadronieren eine eigene Position der Ärzteschaft zur allgemeinen Gebotskultur um die Maske herauszuarbeiten. Leider war es aber vor allem eine sehr persönliche Meinung, was den Chef der bundesweit rund 400.000 tätigen Ärztinnen und Ärzte ordentlich ins Schwimmen brachte.

Für mich war deutlich zu erkennen, dass eine Talk-Show mit Markus Lanz ein neues Parkett für Reinhardt war. Er wirkte schlecht vorbereitet, leicht überheblich, weil er vielleicht auch kein wirkliches Herzensprojekt im Gepäck hatte. Krone-Schmalz kam mit Buch und auf das Duo Precht und Thelen durfte man zumindest gespannt sein, um dann enttäuscht zu werden. 

Von einem Präsidenten der Ärztekammer erwarte ich Klarheit und Orientierung. Der jämmerliche Versuch, sich gegen das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes zu positionieren misslang auf ganzer Linie. Das ist zudem auch irritierend, weil Markus Lanz am späten Abend noch durchschnittlich 13 % Marktanteil der Fernsehzuschauer in Deutschland abgreift und dort der erste Arzt des Landes zu einem Millionenpublikum von Menschen spricht, die sich derzeit jeden Tag die Frage stellen, ob sie alles richtig machen.

Das bemerkte auch Markus Lanz, der sich an der Frage festbiss, ob die Maske überhaupt helfe. Das macht er jetzt so schon in mindestens jeder zweiten Sendung seit März. Und so musste auch Klaus Reinhardt häufiger zurückrudern und hielt am Ende seines Zeitfensters die Maske in Innenräumen und dort, wo man sich sehr nahe komme, wie zum Beispiel im ÖPNV doch für eher sinnvoll. Wahrscheinlich auch wegen seiner Angst, zur Galionsfigur der Maskengegner zu werden. 

Wissenschaft ist, was Wissen schafft

Eines war noch auffällig. Markus Lanz hält einen Hausarzt, der zufällig auch Präsident der Bundesärztekammer ist, für den Gralshüter der Wissenschaft. Richard-David Precht brachte es dann auch auf den Punkt.

Aus wissenschaftlicher Sicht haben wir es mit einem Karneval an Meinungen zu tun.

Richard-David Precht bei Markus Lanz am 21.10.2020
Neues Buch von Florian Aigner

Daraufhin fällt Lanz dem Dauergast seiner Sendung ins Wort und echauffiert sich, es ginge doch nicht um Meinungen, sondern um Wissenschaft. In der Folge wird klar, dass Lanz sich zumindest für diesen Augenblick dem Nutzen für die Sendungsdramaturgie verbiegt und sich offensichtlich nicht mehr daran erinnert, dass Wissenschaft eben nicht das eine wahre und gültige Ergebnis liefert. Richard-David Precht übt sich sodann auch in Nachhilfe und beschreibt, das Untersuchungen einen Kontext haben können. Und wir reden hier über Community- oder DIY-Masken, die für sich auch nicht in Labor-gleichen Umfeldern getragen werden.

Vielleicht sollte Markus Lanz mal Florian Aigner einladen. Der hat kürzlich ein Buch mit dem Titel „Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“ veröffentlicht. Als Liebeserklärung an die Wissenschaft. Jeder Zuschauer von Lanz, der diesen Bestseller bereits gelesen hat, wird wohl augenblicklich ins Bett gegangen sein.

Fazit

Als Mensch, Bürger und Versicherter, der gelegentlich mit Ärzten beruflich und privat als Patient zu tun hat, erwarte ich – gerade in diesen Zeiten – eine aufgeklärte Position. Habe ich die nicht, sollte ich mich nicht in Talk-Shows setzen. Klaus Reinhardt mag ein guter Präsident für seinen Berufsstand sein. Als Stimme der  Ärzteschaft erwarte ich jedoch, dass er sich mit einer rein privaten Meinungen zurückhält. Wir erinnern uns an die Vorstellung von Markus Lanz: Was meint dieser Satz, wenn er sagt: Man kann den Menschen nicht in einer Tour Angst machen!

Außerdem wurde noch über Intensivstationen gesprochen, was ich nicht weiter kommentieren will. Egal, wie man es nennt. Leere oder volle Intensivstationen sind kein Parameter, nach denen sich eine Gesellschaft richten sollte. Denn sind Intensivstationen voll, ist irgendetwas schiefgelaufen. Gesellschaftlich und für jene, die sich mit dem Argument, man solle nicht in Panik geraten, mit SARS-Co-V2 infiziert haben.

Insofern der Satz des Abends einmal mehr von Richard-David Precht kam.

Die Eigenverantwortlichkeit, die eigentlich die wichtigste aller Haltungen wäre, nämlich dass man selber überlegt, wann es sinnvoll ist, eine Maske aufzusetzen. Diese Eigenverantwortlichkeit kann ich nicht zum Maßstab machen, weil ich davon ausgehen muss, dass zu viele Menschen diese Eigenverantwortlichkeit nicht hinreichend nutzen werden. Und dann habe ich das Problem, dass sich die Pandemie viel zu stark ausbreitet, weil ich auf die Eigenverantwortlichkeit jedes Einzelnen gesetzt habe. Deshalb muss jemand, die in einer verantwortlichen Rolle ist, sich im Zweifel überlegen, etwas strenger zu sein, als zu lax zu sein.

Richard-David Precht

Die Unruhe in der Bevölkerung kommt genau daher, meint der Philosoph. Jeder denkt, er könne es selber entscheiden und tut es dann nicht oder nur bedingt. Ein Ärztekammerpräsident, der diese Illusion noch verstärkt, in dem er seine Autorität falsch positiv einsetzt, schadet dem Diskurs eher, als dass es hilfreich wäre, ihn während der Coronakrise noch einmal in einer Talk-Show zu sehen.

Ich wünsche allen Ärztinnen und Ärzten, die im täglichen Klinsch mit Patienten über diese und viele andere Fragen und Unsicherheiten stecken, viel Kraft. 

Weiterführende Links

Auch anderen ist das aufgefallen. Ein paar Linnks habe ich mal eingesammelt.

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.
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