Sind Kongresse Superspreading Events? – Corona-Update Drosten (43)

Große Events der Gesundheitswirtschaft oder auch der mit 8.000 Besuchern als einer der größten Kongresse der Branche finden noch nicht sicher statt. Die Bedeutung von Aerosolen bei der Übertragbarkeit des Coronavirus gewinnt derzeit viel Aufmerksamkeit. Hier eine kurze Zusammenfassung des Corona Updates der ARD vom 26.05.2020.

Wie viele andere höre ich täglich mit seinem Erscheinen das Corona Update der ARD mit Prof. Dr. Christian Drosten. Der war mir als Experte schon früh aufgefallen. Zum Beispiel bei Maybrit Illner im ZDF am 27. Februar 2020

Ich komme übrigens klar mit seinen Klarstellungen. Wenn andere das Mäandern der Wissenschaft kritisieren; es gehört für mich zum Alltag als Wissensarbeiter, mich mit neuen Entwicklungen aktiv auseinanderzusetzen und zuvor gegebene Empfehlungen auch mal zu korrigieren.

Heute möchte ich allerdings eine Mutmaßung von Drosten aufgreifen. Es handelt sich einmal mehr um eine sehr frühe Einschätzung, also einen seiner sehr vorsichtiger Versuche die Lage in der nächsten Zeit plausibel zu beschreiben. Und zwar anhand der Erkenntnisse rund um die Bedeutung von Aerosolen im Zusammenhang mit dem Coronavirus. In der heutigen Folge (43) des Corona Update der ARD lassen sich die Gedanken überprüfen und später auch lesen.

Es gibt aktuelle Erkenntnisse, die darauf hinweisen, dass sich SARS-Co-V2 eher als explosionsartiges Ausbruchsgeschehen zeigt. Weniger als schleichende, intime Epidemie, wie wir sie von HIV kennen. Ausschlaggebend scheinen die jetzt immer häufiger diskutierten Aerosole zu sein. Möglicherweise tragen diese Aerosole, die es in unterschiedlichen Formen und Farben geben soll, häufig eine sehr deutliche Viruslast mit sich. Die Tröpfeninfektion ist nach wie vor der wohl sicherste Weg, sich anzustecken. Doch auch bei einer Großveranstaltung werde ich in der hinteren Reihe nicht von jemandem ganz vorn oder aus der Mitte angespuckt. So hat man sich schon vor einiger Zeit den Aerosolen im Zusammenhang mit Corona zugewandt.

Ein Aerosol ist eine Mischung aus einem Gas und einer fein verteilten Flüssigkeit oder einem fein verteilten Feststoff (Staub). Beispiele für Aerosole sind Dampf, Rauch und Nebel. (flexikon.doccheck.de)

Denn Aerosole passen besser zu Superspreader-Events und allen Corona-Hotspots der letzten Zeit. Mit der Mund-Nasenschutz-Maske haben wir die reine Tröpfeninfektion offensichtlich in den Griff bekommen. Was immer wieder vorkommt, sind lokale und dann explosionsartige Ausbrüche.

Events wurden früh ausgeschaltet

Das aktuelle Infektionsgeschehen stützt diese Vermutung. Dort wo vor allem in Gruppen gefeiert, gesungen und gelacht wurde, übertrug sich das Virus deutlicher und mit einer erhöhten Zahl an Infizierten. Waren es zu Anfang die Champions League Spiele, Volksfeste, Karnevalsveranstaltungen und Ischgl, traten zuletzt gehäuft Infektionen bei Chorproben, Gottesdiensten oder gekühlten Arbeitsumgebungen wie Schlachthöfen auf. Frankfurt und Coesfeld sind da die aktuellen Beispiele.

Trotz Lockerungen ist in den letzten Tagen wenig bis gar kein Anstieg der laborbestätigten Fälle zu verzeichnen. Ein Problem bleiben die Schulen. Weil Kinder, die derzeit nur vereinzelt in die Schulen kommen und auch sonst eher zuhause bleiben, sind sie derzeit weniger einer drohenden Infektion ausgesetzt. Das könnte sich ändern, wenn die Schulen wieder öffnen. Aerosole haben eine Bedeutung in Klassenzimmern. Im Sommer mag hier das Lüften und eine geringere Zahl Schüler pro Raum vielversprechend. Doch sobald draußen wieder kältere Temperaturen herrschen, steht das auch im Zusammenhang mit den Aerosolen. Das Virus lässt sich nach derzeitigem Kenntnisstand kaum von Temperaturen beeindrucken. Doch in kalten Aerosolwolken soll die Viruslast ungleich höher sein.

Corona und Gesundheitswirtschaftskongresse

Sollte sich die These zu den Aerosolen als richtig herausstellen, könnten wir die Epidemie sogar ohne Impfstoff besiegen. So spekulierte Christian Drosten heute in Folge 43 und ich paraphrasiere das hier mal gekürzt:

Das würde dann auch bedeuten, dass wir uns bis auf weiteres von jedem Superspreading-Event verabschieden.

Für den Saisonstart im Herbst darf man wohl nicht mit vollen Stadien rechnen. Aber auch jedes andere Event wie größere Konzerte oder eben Volksfeste, eng gestaltete Weihnachtsmärkte und eben auch Gesundheitswirtschaftskongresse dürften bis auf weiteres keine Genehmigung erhalten. Folgt auf die wissenschaftliche Erkenntnis zur Übertragbarkeit von Corona über Aerosole eine politische Entscheidung, ist fest davon auszugehen. Auch das Verhalten der Menschen ist hier ausschlaggebend. Im März 2020 zeigte sich, dass die Bilder aus Italien schon deutlich vor dem eigentlichen Stichtag des Lockdowns ein Umdenken der Menschen provoziert haben muss.

In diesem Zusammenhang bleibt es spannend, was Thüringen macht, wo nächste Woche über drastische Lockerungen der aktuellen Maßnahmen beraten werden soll. Obwohl Ministerpräsident Ramelow schon nach der heutigen Kabinettssitzung klar stellte. Mund-Nasen-Schutz und Abstandsregeln in der Öffentlichkeit bleiben eine gute Empfehlung. Auch bei einem neuen Thüringer Modell.

Große Events der Gesundheitswirtschaft, Fachkongresse oder der mit 8.000 Besuchern größte Kongress der Branche dürften noch nicht sicher stattfinden. Das Frühjahrstreffen ist für 2021 wieder geplant.

Als regelmäßiger Besucher solcher Kongresse beschäftigt mich das sehr. Und ich würde mich gern irren. Welche Folgen jedoch hätte es, wenn gut die Hälfte der Gesundheitswirtschaftskongresse nicht mehr stattfinden könnte. Zumal sich Sponsoren vielleicht zurückziehen und hinter jedem größeren Kongress auch ein Geschäftsmodell steckt.

Vielleicht wird es Zeit über neue Formate nachzudenken, die es heute und in der jüngeren Vergangenheit auch schon gab. Die Treffen von Think-Tanks oder Peer-Groups sind häufig sehr zielführend. Dabei muss nicht auf eine hochkarätige Besetzung verzichtet werden. Der Austausch unter Fachleuten kann auch in kleineren Runden, zu spitzerer Themenlage und medialer Verlängerung gut organisiert werden. Vielleicht ist der Nutzen sogar größer.

Ich werde mal länger darüber nachdenken. Trotzdem hoffe ich, dass wir uns auf einem der nächsten größeren Veranstaltungen wiedersehen und hoffen wir mal sehr, dass es sich dann nicht um ein Superspreader-Event handelt.

Dieser Beitrag wurde am 26.05.2020 mit schneller Feder verfasst und am Morgen des 27.05.2020 aufgrund einiger Umständlichkeiten noch einmal überarbeitet.

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