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Patientenakte oder Gesundheitsakte?!

Wer mit dem Roll-Out einer einheitlichen elektronischen Patientenakte rechnet, sucht diese vergebens. Vivy, TK-Safe oder AOK Mein Leben tragen die Farben der jeweiligen Krankenkassen und unterscheiden sich in ihrer User Experience deutlich voneinander.

Die Diskussion um Patientenaktensysteme, die einrichtungsübergreifend Zugriff auf wichtige Gesundheitsdaten ermöglichen würden, begann schon mit der sich abzeichnenden vernetzten Anschlussfähigkeit von Gesundheitseinrichtungen in den Neunziger Jahren. Also deutlich vor der Zeit, in der das kommerzielle Internet (www) Einzug in die Haushalte der Versicherten hielt. Diese vernetzte Infrastruktur als technische Errungenschaft gilt heute als hinreichende Notwendigkeit, den Menschen eine Souveränität im Rahmen ihrer informationellen Selbstbestimmung zuzugestehen.

Bis etwa 2005 reichten die Diskussionen um beide Begriffe. Patientenakte und Gesundheitsakte hielten dann jeweils Einzug in das Sozialgesetzbuch V (SGB V).

  • Die Gesundheitsakte zunächst unter § 68 „Finanzierung einer persönlichen Gesundheitsakte“.
  • Die Patientenakte unter § 291a, zunächst noch stark an die Gesundheitskarte gekoppelt.

Der §68 verschwand dann mit dem Digitale Versorgung Gesetz zugunsten einer Ermöglichung der Krankenkassen, sich innovativen Unternehmen zuzuwenden (§ 68 a) und der Förderung von Versorgungsinnovationen durch Nutzung bisher nicht zugänglicher Daten (§ 68 b).

Etwas überrascht wurden engagierte Krankenversicherer, die sich schon im Jahr 2018 mit eigenen sogenannten Gesundheitsakten auf den Weg gemacht hatten. Sie orientierten sich an besagtem § 68 SGB V. Mit dem im DVG neu formulierten § 291 a wurden dann die Betreiber bereits geschaffener digitaler Gesundheitsakten (schon damals meist Apps) verpflichtet, die Anwendung einer elektronischen Patientenakte zu integrieren. Ergo wurden die Gesundheitsakten zum Frontend einer Anwendung der Telematikinfrastruktur erklärt. Krankenkassen programmierten also entweder bestehende Gesundheitsakten um oder schufen Apps, die künftig auch im Sinne einer Mehrwertstrategie an die Versicherten ausgespielt werden.

Gibt es Unterschiede zwischen Gesundheitsakte und Patientenakte?

Etwas unglücklich erscheint das Durcheinander der Begriffe. Digital klingt fortschrittlicher als elektronisch. Gesundheitsakte würdigte als Wort nie das Individuum und suggeriert nicht deutlich genug, dass die ePA eher Teil der zu gestaltenden Bewältigungsstrategien von Krankheiten sein wird. Das wird sich im alltäglichen Sprachgebrauch sicher ausschleichen und der Begriff der elektronischen Patientenakte (ePA) dürfte sich nach Einführung dann auch durchsetzen, ohne weiter reflektiert zu werden.

Wer mit dem Roll-Out einer einheitlichen elektronischen Patientenakte rechnet, sucht diese vergebens. Vivy, TK-Safe oder AOK Mein Leben tragen die Farben der jeweiligen Krankenkassen und unterscheiden sich in ihrer User Experience deutlich voneinander.

Reflexartig fragt man sich, ob hier nicht eine einheitliche Patientenakte für alle besser gewesen wäre. Doch in der Entscheidung, den Krankenkassen die Aufgabe zuzuweisen, liegt politisches Kalkül. Auch wenn die Gematik die technischen Details (Spezifikationen) verantwortet. Die Rolle der Krankenkassen als reine Kostenträger gilt als überholt. Einige Krankenkassen bekennen sich klar zur Strategie sich als Health-Data-Privacy-Dienstleister neu zu erfinden. Das entspricht auch dem Wunsch der Versicherten, die nach aktueller Studienlage, ihre Gesundheitsdaten mehrheitlich eher den Krankenkassen anvertrauen würden. Doch tatsächlich kann auch die Krankenkasse niemals auf die Gesundheitsdaten ihrer Versicherten zugreifen. Die Krankenkassen organisieren lediglich den Zugriff auf die Anwendung ePA, die eine zentrale Anwendung der Telematikinfrastruktur sein wird.

Die Mitnahme der Daten soll damit gesichert sein. Wer also als Versicherter die Krankenkasse wechselt, kann seine Daten in die von der neuen Versicherung bereitgestellten App mitnehmen. So der Plan. Klar ist noch nicht, wie sich die Versicherten diesbezüglich wirklich verhalten. Chronisch erkrankte Menschen, die vielleicht auch Teilnehmer in einem Disease Management Programm (DMP) sind, scheuen womöglich den Umzug zu einer neuen Krankenkasse, wenn der Aufwand zur Mitnahme der persönlichen Daten zu kompliziert erscheint.

Welchem Weg folgen Gesundheitsdaten in Deutschland?

Europa sitzt nicht nur regional zwischen den Kontinenten, sondern auch beim Paradigma. Schauen wir nach China, liegen die Daten in der Hand des Staates. Im liberalen US-Gesundheitsmarkt folgend Daten dem Kapital. Europa und Deutschland als Vorreiter will bietet mit seinem Vorgehen eine dritte Lösung, die sich bislang trotz der Kritik durch den Bundesdatenschutzbeauftragten eher an die DSGVO anschmiegt, als brutal gegen diese zu verstoßen.

Die frisch aus der EU ausgestiegenen Briten und das dort staatlich finanzierte National-Health-System (NHS) führt seit einiger Zeit Gespräche mit Apple, um dessen hauseigenen Electronic-Health-Record zu berücksichtigen. Damit gelingt erstmals einem US-amerikanischen Anbieter und seiner Lösung für eine elektronische Patientenakte nach Europa.

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