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Pflege 2020: Ein Resümee und meine Meinung

Frank Stratmann
Ein anderer Blick auf den Applaus von Balkonen, Lavendelgate, Pflegekammern, Ehrenpflegas mit Ausblick und bei allem Respekt mit einer Empfehlung für 2021.

Silke Kopp ist Gründerin von Health&Bits und hat in der Health&Care Management eine Art Rückblick der Pflege für das Jahr 2020 aufgeschrieben. Chronologisch hangelt sie sich durch das, was in Sachen Pflege in diesem Jahr vor allem negativ aufgefallen ist.

Bevor ich auf die fünf Punkte von Silke eingehe, erlaube ich mir den Hinweis. Die unten fehlende Erfahrung im Diskurs sich verändernden Gesundheitsmärkte kann nachgeholt werden und Pflegende können sich selbst einbringen. Auf der individuellen Ebene. Mit Lösungen. Beim HealthHack20, der vor Kurzem gestartet ist. Mehr dazu unter https://healthhack20.devpost.com/– herzliche Einladung an alle Pflegenden zur Gestaltung.

Silkes Jahresrückblick

Den ganzen Appell mit der Überschrift – Schaltet Euch nicht stumm -, findet Ihr im Angebot des Health&Care Management Magazin. Ich paraphrasiere das, was Silke Kopp in ihrem Beitrag sagen will mal um ein paar ergänzende Aspekte aus meiner Perspektive als Beobachter der Szene.

(1) Da wäre zunächst die Situation zum Schutz der Pflegenden vor dem Virus zu nennen. Dafür können Pflegende selbst nicht viel, doch mit dem (2) Applaus von Balkonen für systemrelevante Berufe konnte nicht jeder etwas anfangen. Aufmerksamkeit erhielten vor allem die Pflegenden, die sich gegen Wertschätzung verwehrten und rissen auch andere Berufe mit, die genau so gemeint waren. Dass die Inspiration aus Italien kam und die Deutschen nicht selbst auf die Ideen kamen, machte die von einigen zur Schau getragene Verletzung nicht besser.

Mit Lavendelgatedas an mir übrigens voll und ganz vorbeiging – soll die Verschmähung des Zuspruchs einen vorläufigen Höhepunkt erfahren haben. Heute klatscht niemand mehr und wird das auch nicht so schnell tun. Übrigens war der Applaus von Balkonen eher ein mediales Phänomen. Ich wohne sehr ländlich, gleich neben einem Krankenhaus. Der Krankenwagen kommt wöchentlich einmal in meine Straße, in der ich den Schnitt von Ü80 deutlich senke. Hier hat niemand nur einmal geklatscht.

Es gab unzählige unsinnige Dankesaktionen. Angefangen beim allabendlichen Applaus für die systemrelevanten Berufe. Eine Aktion der Bevölkerung inspiriert durch Italien. Gut, kann man machen. Es schallt immer noch in meinen Ohren. Aber was schallt da? Wertschätzung?! Nein. Es schallt Hohn, Spott, Verleumdung und ein gewisser Brechreiz macht sich breit. Die Aktion war sicher gut gemeint, doch kann ich meine Familie damit ernähren? Nein.

#wirfürdiepflege – Blogpost auf diepflege.org

(3) Das Aus der Pflegekammer in Niedersachsen kam durch die Pflegenden selbst. Sie fühlten sich überfordert oder taten wohl so, als würde eine Pflegekammer von Beginn an die Strukturen und den Einfluss nachweisen, die viele andere Berufsgruppen selbst erst nach Jahrzehnten erreichen. Argumentiert wurde dann mit einer Art Preis-Leistungs-Verhältnis für die Mitglieder. Am Ende fanden die Pflegenden die eigene Kammer verhältnismäßig überflüssig und schafften sie nach kurzer Zeit durch eine Mitgliederbefragung wieder ab.

(4) Tatsächlich nimmt man Stimmen aus der Pflege vor allem von der Seite war, die lauthals negativ herum krakeelen. Das stellt Sie Kopp unverblümt fest. Vor allem über soziale Medien. Diejenigen, die fleißig sind, bleiben still. Das liegt natürlich auch an einer mangelnden Erfahrung im Diskurs sich verändernder Gesundheitsmärkte. In diesem Fall betroffen der Arbeitsmarkt für Pflegende und so kommen wir zu den Ehrenpflegas.

(5) Die Aktion des Bundesfamilienministeriums habe ich selbst in diesem Blog besprochen und auch als Folge für meinen Podcast aufgezeichnet. Vielleicht bietet der Beitrag noch eine spannende alternative Perspektive, die Silke Kopp in ihrem Artikel zaghaft andeutet. Wörtlich: „Es gibt einen eklatanten Mangel an Bewerbern, die es ermöglichen, dass heute Menschen eingestellt werden, die vor zehn Jahren nicht einmal die Chance auf ein Bewerbungsgespräch gehabt hätten.“ Mich bestärkt das in der Meinung, dass die Reaktion der Pflege auch in diesem Punkt überzogen wirkt. Ich sage bewusst wirkt, weil ich nichts gegen subjektive Verletzungen einzuwenden habe. Doch stumm blieben tatsächlich jene Angehörigen der Pflege, die diese Aktion im einfachsten Fall begrüßen oder gar gut finden. Das macht es kompliziert und versperrt jede konstruktive Auseinandersetzung. Politisch hatte die Kritik keine Folgen, was ein weiteres Indiz ist, dass derlei Aufregung im Netz nicht mehr anrichtet, als sich zu versenden.

Und so ist der Beitrag von Silke Kopp zwar eine Aneinanderreihung von Ereignissen, die man unschwer als wenig geschickt bezeichnen könnte. Doch „die Pflege“ gibt es ebenso wenig wie „die Ärzte“ oder „die Patienten“. Deshalb glaube ich, dass der Beitrag zum Jahresende in seinem Motiv wichtig ist, allerdings kaum die Wirkung entfalten dürfte, die man sich wünschen dürfte.

Anerkennung verdient man

Die Pflege wirkt müde im Kampf um eine allgemeine höhere Wertschätzung, die sie im Prinzip schon hat, sich diese aber rhetorisch nicht verdient und in manchen Momenten auch verscherzt. Das ist Teil der unbequemen Wahrheit.

„Die Pflege scheint intern zerrüttet“, bestätigt Silke Kopp dem Leser. Sie will mit ihrem Start-up der Pflege eine Bühne geben und ich bin gespannt, wie die Pflege auf ihre klaren Worte reagieren wird. Mit guten Vorsätzen, die auch über 2021 hinaus reichen oder mit einem neuerlichen Shitstorm, der manchmal nicht einmal als solcher wahrgenommen wird?

Mit Dreck werfen, auf alles, was nicht gleich das Himmelreich verspricht, ist nicht die Lösung und hier schließe ich mich dem letzten Absatz von Silke an. Es ist ein stetiger und redlich – weil auch selbstkritisch – zu bewältigender Weg, der die Verhältnisse verändert. Es gibt niemanden anzuklagen. Wenn überhaupt ist eine Logik zu kritisieren, die systemisch zu sein scheint und sich auch deshalb ihren Weg bahnen konnte, weil die Pflege schüchtern wirkt, wie ein zahnloser Tiger, während sie zerrissen herum eifert.

Man muss gestalten wollen und das fängt bei Dir selbst an. Wenn Du einem Pflegeberuf angehörst und Bock hast, neue Perspektiven kennenzulernen, um dem technologischen Imperativ und gesundheitspolitischen Einflüssen etwas entgegenbringen zu können – wenn Du argumentativ und lösungsorientiert bist – dann komme zum HealthHack20. Das ist nicht die Lösung für alles, sondern ein erster Schritt von Station hinein in den Diskurs. Ein Anfang. Mehr nicht.

Falls Du nach dem Lesen Redebedarf hast. Freue ich mich, wenn Du mein Zeitgeschenk annimmst.

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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