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Samstagsgedanke zu XING, LinkedIn und dem Überwachungskapitalismus

Frank Stratmann
In einem Post-Überwachungskapitalismus könnte XING Marktführer sein, weil man es geschafft hat, Werte hochzuhalten.

Als Pionier auf der Plattform XING finde ich es immer sehr spannend, dass wir uns fast 17 Jahre nachdem ich als Mitglied Nr. 8.xxx eingestiegen bin über die oberflächlichen Aspekte sozialer Vernetzung unterhalten.

Ein Sport zu sein scheint es, in einem jeweils benachbarten sozialen Netzwerk zu fragen, ob man jetzt XING oder LinkedIn besser findet. Viele Antworten beschäftigen sich dann mit der Frage, wo es den Augen besser gefällt. Andere stellen subjektiv die fehlende individuelle Nützlichkeit des jeweiligen Verlierers in den Fokus. Sucht man dann und wann stichprobenartig nach diesen Leuten in den diskreditierten Netzwerken, erkennt man schnell: Deren Profile sind schlecht gepflegt und sind wenig aktiv und sie verhalten sich noch weniger nützlich oder unterhaltend für Ihr Netzwerk. Und das meist nicht erst kürzlich durch einen selbst verordneten Rückzug.

XING kapitalisiert seine Daten eher zurückhaltend

Und hier kommt ein Argument pro XING ins Spiel. Im Vergleich zu Plattformen wie Facebook, schafft es XING nicht, seine Daten in der Skalierung zu kapitalisieren. Wo ist der versteckte Layer, der Business Personas über Algorithmen nützliche Inhalte in die Timelines spült? Oder muss ich den Fehler bei mir suchen, wenn ich trotz eines vollständigen Profils mit beruflichen Stationen in der Gesundheitswirtschaft Stellenanzeigen für die Position als Hausmeister („Facility Manager“) vorgesetzt bekomme?

Dem Gedanken von Shoshana Zuboff („Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“) folgend, verfügt das Hamburger Unternehmen nicht über das Geschick, seine Nutzer zu Produkten zu machen. Das kann unterschiedliche Gründe haben. Zum einen verfügt XING möglicherweise nicht über das Know-how. Andere Überlegungen gehen in Richtung einer ehrlich gemeinten Data-Policy nach deutschem (europäischem) Wertekodex. Ein dritter Grund könnte sein, dass sich selbstreferenzielles Businesskauderwelsch nicht dazu eignet, geeignet ausgewertet zu werden, um daraus nützliches Potenzial an Daten zu heben, das man für Wachstumsgelüste an andere Unternehmen weiterverkaufen kann. Oder viertens. Die meist deutschen Kunden von XING haben schlicht keine Ahnung, wie man gemeinsam mit einer Plattform gemeinsam Datenraub betreibt.

Denn eines ist doch klar: Im Beruf nehmen wir gern eine Rolle ein. Echte Geheimnisse teilen wir eher nicht auf XING, sondern lieber bei Facebook und Instagram. Zum Beispiel Aspekte unseres Lifestyles. Und die Blauen aus Amerika können Daten aus unserem Leben viel besser verwerten als die Grünen aus Deutschland, die sich mit Stellenanzeigen und über 90% langweiligen Business Events und Werbebotschaften von Vertriebsleuten („Kauf mich jetzt“) herumschlagen dürfen.

Vorläufiges Fazit

XING könnte das Rennen machen, wenn der Überwachungskapitalismus eines Tages überwunden sein wird. Die letzten 20 Jahre dieses Paradigmas bemisst Shoshana Zuboff vor dem Hintergrund anderer Entwicklungen, die der Mensch vorantreibt, auf vielleicht eine Minute. Demokratische Entwicklungsprozesse beschäftigen uns seit Jahrhunderten. Deshalb wettet sie eher auf die Demokratie und sieht den Überwachungskapitalismus als überwindbar. Und zwar kurzfristig. Dazu braucht es weniger die Verlässlichkeit politischer Rahmenbedingungen, die durch Eliten gemacht würden, die gar keine Ahnung haben. Vielmehr muss sich die Gesellschaft besinnen und sich wie einst erheben, als die ersten Industrien begannen, Kinder in ihren Fabriken als Humankapital zu verheizen. Man wollte das schlicht nicht und hat Wege gefunden, es in der Folge zu verhindern.

In diesem Post-Überwachungskapitalismus könnte XING Marktführer sein, weil man es geschafft hat, Werte hochzuhalten, Daten nicht unter dem Mantel eines falschen Lippenbekenntnisses („Schützer der Privatheit“) über alles zu stellen und es schlichtweg auszuhalten, bis der Stock im A* seiner Nutzer zu Sägemehl verwittert sein wird.

Diesen letzten Gedanken entnahm ich einer Wortmeldung auf Twitter, die mit diesem Stock den Unterschied zwischen XING und LinkedIn beschrieb. Obwohl davon auszugehen ist, dass die eher lockeren Typen (männlich und weiblicher Natur) auf beiden Plattformen unterwegs sein dürften.

Übrigens. Sie finden mich auf XING und LinkedIn und wenn sie gut suchen auch auf Twitter und Instagram. Schönes Wochenende, …

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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