Der rasante Einzug smarter Hilfestellungen im Alltag der Menschen scheint sich langsam aber sicher auf die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten auszuwirken. Denn immer mehr Argumente sprechen für die Berücksichtigung von Technologie, die nicht zum üblichen Spektrum traditioneller Krankenhaus-IT gehören oder bislang für wenig anwenderfreundlich bei älteren oder gehandicapten Menschen galten.

Frei verfügbare Gesundheitsapp und Alexa im Krankenzimmer

Nachfolgend stelle ich zwei Lösungen vor, die heute schon in Kliniken oder von Betroffenen in Abstimmung mit Therapeuten eingesetzt werden. Wie heute bekannt wurde, setzen die Schön Kliniken auf eine Gesundheitsapp zur positiven Beeinflussung von Bewältigungsstrategien bei Essstörungen. Ein anderes Beispiel erlaubt es Alexa als Basisstation zu nutzen, um es Patienten und Angehörigen zu erlauben, den komplexen Aufwand von Krankheit über Amazons Sprachcomputer zu organisieren.

Beispiel Schön Kliniken und die Recovery Record App

In einer heute bekannt gemachten Notiz zeigen die Schön Kliniken, dass sich einzelne, in den Appstores verfügbare Gesundheitsapps sehr wohl für den Einsatz rund um das Patientenwohl eignen und aktiv von Krankenhäusern eingesetzt werden können. Eine solche App wird erstmals regulärer Bestandteil der stationären Therapie bei den Schön Kliniken. Ziel des Einsatzes der App Recovery Record ist es, Patientinnen und Patienten eine Verhaltensveränderung in Abstimmung mit betreuenden Ärzten zu ermöglichen und dabei auf den Nutzen einer Smartphone-App zurückzugreifen. Mit der App Recovery Record lässt sich ein Tagebuch führen. Und noch mehr. Die App ist Kalender und Motivationscoach in einem und kann seine Nutzer auf dem Weg in ein gesünderes Leben begleiten. Jeder Anwender kann beispielsweise seine eigenen Bewältigungsstrategien bei Recovery Record eingeben, z. B. Texte, Bilder oder Musik als Motivation speichern. In schwierigen Situationen schickt die App dann eine persönliche Nachricht, um den Nutzer positiv zu bestärken.

Die App auf dem Smartphone des Betroffenen kann sich auf Wunsch mit der App des Teams der betreuenden Klinik verbinden. Für iOS gibt es außerdem eine App für Apples Smartwatch.

Interne Studie belegt den Nutzen bei der Behandlung von Essstörungen

Drei Monate lang hat die Fachklinik am Chiemsee Nutzen und die praktische Anwendung der App Recovery Record im therapeutischen Alltag untersucht. Begleitet wurde sie dabei von der wissenschaftlichen Arbeitsgruppe der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) unter Leitung von Prof. Ulrich Voderholzer, Ärztlicher Direktor der Schön Klinik Roseneck. Das Ergebnis: Der Body-Mass-Index (BMI) der App-Nutzer entwickelte sich günstiger als jener der Kontrollgruppe. Das galt für den Zeitpunkt der Entlassung und auch noch acht Wochen danach.

Unmittelbarer Kontakt zum Therapeuten – und Arbeitserleichterung

Recovery Record ist frei in den Appstores für iPhone und Android Smartphones verfügbar und stellt mit weltweit 400.000 Nutzern die am meisten genutzte App für Menschen mit Essstörungen dar. In Deutschland nutzen bereits rund 10.000 Betroffene die Recovery Record App. Die im Jahre 2011 in den USA entwickelte Health-App basiert auf jahrzehntelanger verhaltenstherapeutischer Forschung.

Bei Erwerb einer Lizenz durch die Klinik ist es möglich, dass Therapeuten und Patienten über die App miteinander in Kontakt treten. So berichtet Sabrina Pausch, Diplom Psychologin der Schön Klinik Roseneck: „Erst wenn der Patient mich explizit einlädt oder auf meine Einladung reagiert, kann ich als Therapeut Einsicht in seine Eintragungen bekommen“. Eine Gesundheitsapp wie Recovery Record lässt sich zudem wesentlich diskreter nutzen als ein Tagebuch auf Papier. Hinzu kommt, dass ein analoges Tagebuch verloren gehen kann. Ein verlorenes Smartphone besitzt einen Zugangsschutz durch PIN-Eingabe oder Fingerabdruck.

Auch für die Ärzte und Therapeuten ist es eine Arbeitserleichterung, ohne Papierkram z.B. die Mahlzeiten ihrer Patienten im Blick zu haben. Nicht zuletzt erlaubt die App kurzfristige Interventionen und Unterstützungen. „Ich sehe, welche Gedanken und Gefühle die Patienten protokollieren, und habe dadurch einen besseren Eindruck, wie es ihnen gerade geht,“ ergänzt Pausch. „Auch, wenn ich sie gerade nicht persönlich vor Ort betreuen kann.“

Dieses Beispiel macht Mut, dass mit der richtigen Einstellung und Offenheit existente Lösungen, die heute bereits in den Appstore schlummern, schon bald in Deutschland auf ärztlicher und therapeutischer Seite mehr Anerkennung erfahren. Zu begrüßen ist zudem die Akribie, mit der die Schön Kliniken Sorge tragen, die Integration zu rechtfertigen und mithilfe einer internen Evaluation den Nutzen unmittelbar nachwiesen.

Alexa für Patienten mit Handicap

Über einen meiner Tweets zum Themenkomplex einrichtungsübergreifender Patientenakten von neulich wurde ich auf die Lösung des Anbieters healthcare Consulting GmbH aus Ebersberg aufmerksam. Laut Website bietet das Unternehmen zunächst eine Anbindung des KIS an eine moderne, webbasierte Lösung. Damit soll vor allem der Alltag von Ärzten erleichtert werden. Unterschiedliche Module erlaubt es Ärzten auf die Informationen aus dem KIS am Krankenbett zuzugreifen.

Bemerkenswert aber im oben genannten Zusammenhang ist eine vom Unternehmen realisierte persönliche und pflegerische Betreuung älterer oder behinderter Menschen mit Alexa von Amazon. Über einen Webzugang, der sich mit dem Sprach-Computer von Amazon verbinden lässt, können Patienten selbst oder in Abstimmung mit betreuenden Angehörigen Terminerinnerungen, Zeitpunkte für Medikamenteneinnahmen oder Kontakte organisieren. Auch die Erfassung von Vitaldaten per Diktat ordnet der Alexa Skill in das festgelegte Schema. So ist Menschen geholfen, die sich mit der manuellen Eingabe über ein Smartphone schwer tun. Im Hintergrund entsteht eine schlanke Patientenakte, die der Patient selbst verwaltet.

Die seit Kurzem verfügbare Messaging Funktion von Alexa spielt dem Unternehmen dabei in die Karten. So lassen sich über zuvor festgelegte Kontakte Nachrichten diktieren. Alexa erinnert mittlerweile auch aktiv. Was für geschäftige Menschen, die gerade keine freie Hand haben, um ihr Smartphone zu bedienen, eine einfach Erleichterung ist, bietet behinderten Menschen oder beispielsweise auch Intensivpatienten im Krankenhaus enorme Freiheiten. Hier zeichnet sich eine neue Qualität der Barrierefreiheit ab, die mit Sprachassistenten erreicht werden wird. So wäre es denkbar, mit dieser oder vergleichbaren Lösungen isolierten Patienten unmittelbar eine Schnittstelle zur Außenwelt zu ermöglichen.

Schreiben Sie mir gern, wenn Sie auf eine begeisterungsfähige Lösung aufmerksam werden. Der Markt für Lösungen dieser Art ist riesig und wächst schneller, als selbst ein gut informierter Insider erfassen kann. Danke für Ihre Hinweise.