Vom Grad der Vernetzung und seiner falsch positiven Reduktion

Den aktiven Rückziehern aus sozialen Netzwerken geht es vor allem um die eigene Enttäuschung und eine Art Verletzung, die aber nicht dadurch heilt, in dem ich mir selbst vors Knie trete. Man begeht keinen Suizid am Grad der persönlichen Vernetzung.

Immer wieder hört man, wie Menschen sich aus sozialen Netzwerken verabschieden. Die erfolgreiche Löschung Ihres Accounts tragen sie dann zu anderen Netzwerken, um dort den aktiven Ausstieg mit dem verbleibenden Rest Ihres Netzwerks zu zelebrieren. Für mich klingt das jedes Mal so ein wenig nach beleidigter Leberwurst, eine pubertären Trotzhaltung oder Zickenkrieg gegen einen Diensteanbieter, der vor allem von Männern geführt wird, denen die Folgen ihres Handelns oftmals nicht klar zu sein scheint. Ich möchte meine Position gern begründen.

Wir leben in einer vernetzten Gesellschaft. Was ist also von solchen Aktionen zu halten? Stell Dir vor, Du strickst einen Pullover. Er soll genau Deine Größe haben. Die Ausdehnung ist also klar festgelegt. Du beginnst und strickst drauf los. Natürlich sind die ersten Maschen sind noch etwas unbeholfen. Auch das Strickmuster hast Du noch nicht vollständig verstanden. Aber erste Erfolge machen Mut, Deinen Pullover zu vollenden. Dann, wenn Du gerade glaubst, den Pullover schon zu erkennen, bemerkst Du, dass Du sehr wahrscheinlich gar nicht fertig wirst. Zu vielfältig sind die Möglichkeiten. Auch wandelen sich von Zeit zu Zeit die Trends. Wenn Du glaubst, alles läuft gerade, enttäuscht Dich Dein Wollhändler des Vertrauens oder eine Stricknadel bricht ab. An diesem Punkt könntest Du alles hinwerfen, den gerade begonnen Pullover vor Wut auf den Kompost werfen oder in der Mülltonne verbrennen. Eine Mischung aus Mühsal und Enttäuschung belastet Dich.

So ähnlich dürften sich die Menschen fühlen, wenn sie von einem sozialen Netzwerk enttäuscht werden.

Kommen wir zurück zu den sozialen Netzwerken und Deinem Verhältnis zu ihnen. Grundsätzlich halte ich es für total sinnvoll, von Zeit zu Zeit ein digitales Heilfasten im persönlichen Lifestyle zu berücksichtigen. Den aktiven Ausstieg mancher Nutzer in dem einen Netzwerk zu vollziehen, um es in dem anderen zu feiern, zeugt für mich allerdings von einer ganz anderen Problematik. Das ist etwas so, wie den linken Ärmel Deines Pullovers auf den Kompost zu schmeißen und an dem anderen Ärmel weiterzuarbeiten. Oder besser noch. Die ersten Wollfetzen, die Du zusammengestrickt hast, mit der Schere wieder zu zerstören.

Ich will das versuchen, noch besser zu erklären. Meldet sich jemand beispielsweise von Facebook oder XING ab, steckt dahinter meistens eine Verletzung. Ich meine das ernst. Oft haben User eine langjährige Geschichte, die sie mit einem sozialen Netzwerk verbindet. In dieser Geschichte bilden Anbieter, Nutzer und das jeweilige persönliche Netzwerk eine Schicksalsgemeinschaft, denn niemals lässt sich der Grad der persönlichen Vernetzung vollständig planen. So viel zum Strickmuster. Man teilt unterschiedliche Erlebnisse, guter wie schlechter Art. Fühlte man sich am Anfang noch wohl, ist das plötzlich anders, wenn sich die Startseite durch ein Update verändert. Oder irgendetwas zieht mich nicht mehr so richtig an, regelmäßig den Ort des Geschehens aufzusuchen. 

Überwiegen eines Tages die schlechten Erlebnisse, verstärkt der Netzwerkeffekt den Wunsch, dem jeweiligen Anbieter den Rücken zu kehren. Was für Facebook die Skandale um Datenschutz und Datensicherheit sind, ist für XING die gegenüber anderen Netzwerken eingeschränkte User Experience, wie wir sie beispielsweise in den mobilen Apps beobachten sehen. Was XING betrifft, mangelt es auch an der Integration des Dienstes mit Drittanbietern. Die dezentrale Ansprache erscheint mangelhaft. Die Interaktionsrate wirkt auf XING zu entschleunigt.

Der zelebrierte Austritt aus einem Netzwerk, ist also auch eine Art Protest. Bislang halten die Anbieter selbst dieses Problem für nicht so wichtig. Das lässt sich zumindest aus den Reaktionen ableiten, die in der Regel ausbleiben, wenn einzelne Nutzer austreten. Bis auf eine vollmundige Landingpage mit besten Wünschen ist da oft nicht viel zu lesen. Warum sollte man sich auch um einen einzelnen Nutzer kümmern, der die Plattform verlässt? Nach der Enttäuschung kommt also der Protest. Der Post auf Linkedin, sich bei XING abgemeldet zu haben, ist das selbstgezeichnete Spruchband meiner Demonstration. Und manchmal reicht der Schmerz über die Enttäuschung so tief, dass man heimlich hofft, eine Bewegung auszulösen, es andere einem gleichtun und man als Verantwortlicher in den Geschichtsbücher untergehender Netzwerke als Held verehrt wird.

Was der Einzelne, austretende Nutzer übersieht, ist die Wirkung auf den Grad seiner persönlichen Vernetzung. Mein Rad nach fast 15 Jahren aktiver Beteiligung in sozialen Netzwerken jeder Art, wäre, den Grad der persönlichen Vernetzung nicht mutwillig zu verknappen. In der Regel lösche ich kein Konto. Die oben angesprochene Enttäuschung mancher, kann aus meiner Sicht jeder Anbieter einer sozialen Netzwerks schon morgen kompensieren. Auch wenn StudiVZ und wer-kennt-wen.de bis heute die großen Verlierer sind und längst vom Markt verschwunden sind. Mit dem Verschwinden erledigen diese Anbieter meinen Austritt selbst. Die Durchdringung unserer Gesellschaft mit dem Paradigma einer mediengestützten, sozialen Vernetzung ist nicht mehr Frage eines Anbieters, sondern Teil des Daseins geworden. Wer nicht angeschlossen, wird ausgeschlossen, könnte man vollmundig behaupten. Wenn sich eine soziale Plattform vom Netz nimmt, ist es aus meiner Sicht früh genug.

Mit dem Ausstieg reißen vor allem die bislang gut vernetzten Nutzer ein Loch in ihr vernetztes Dasein. Wer sich medientheoretisch mit soziale Vernetzung und Communities auseinander gesetzt hat, weiß um den Faktor der Serendipität. Jener Zufälligkeit, die sich zum Beispiel im Phänomen „the news will find me“ zeigt. Wer nur Konsument von sozialen Netzwerken war, also den Posts anderer gefrönt hat, ohne selbst etwas beizutragen, wird das vielleicht nicht so schnell verstehen. Informationen fließen und auch wenn ich seit Jahren den Flow Control in meinen täglichen Rundgängen in sozialen Netzwerken beachte. Oft erfahre ich früh, scheinbar zufällig von Dingen, die meine Arbeit oder mein Leben betreffen. Auch oder vor allem dann, wenn ich selbst etwas beitrage. Reiße ich nun ein Loch in mein Netzwerk, in dem ich mich unwiderruflich abmelde, grabe ich dem Informationsfluss das Wasser ab. Damit meine ich übrigens nicht, dass ich alles lesen, sollten, was die Netzwerke so an mir vorbei schäumen lassen. Doch kann ich in den Netzwerken mehr oder weniger gezielt suchen. Bei Twitter z.B. schmeißen viele Ihren Krams einfach auf einen Haufen. Der Stream ist bis auf ein initiales Hinschauen kaum interessant. Wuchtig wird es, wenn man für ein Thema recherchiert oder mithilfe der Listen, interessanten Kompetenzkreisen zuhören kann.

XING ist immer mal wieder Ziel hier beschriebener Enttäuschungsattacken. Auch ich bin oder war und er Vergangenheit mit vielem nicht einverstanden, was XING bietet oder sich leistet. Mag das Unternehmen auch profitabel sein. Für mich ist es längst ein Übernahmekandidat. Nicht, weil es einen schlechten Job macht , sondern weil es mit dem oben angenommenen Paradigma einer globalen sozialen Vernetzung nicht mehr Schritt halten wird. Vielleicht sind die vereinzelten Austritte auch ein Indiz genau dafür. Die Relevanz verflüchtigt sich und viele Nutzer ziehen sich dann zurück. Grundsätzlich könnte man das also auch still tun. Eine Verletzung durch stetige Enttäuschungen, die der einzelne Nutzer, der sich nicht für die Bilanz von XING interessiert, scheint mir wahrscheinlicher.

Kommen wir abschließend noch einmal auf den Aspekt der Schere zurück, die ich an meinem Pullover („dem plattformübergreifenden, persönlichen Grad an Vernetzung“) ansetze. Wenn ich also 1.000 Kontakte auf XING habe, verliere ich mit meiner Abmeldung auch die Kontakte im zweiten und dritten Grad. Ein besserer Weg könnte also sein, mein Profil passiv zu stellen, den Konsum von Inhalten in den betroffenen soziale Netzwerk zu reduzieren und so wie ich es mit der Abmeldung ja vorhatte, nur noch sehr selten vorbeizuschauen. Bei Facebook kann ich mein Profil sogar erhalten und unsichtbar stellen. Bei XING kann ich einfach pausieren. Die Plattformen lassen sich immer wieder Neues einfallen, was sicherlich mit den Kapazitäten und der finanziellen Schlagkraft korreliert. Oder auch mit der Kreativität in den Entwicklungsabteilungen. Schon mit einer personellen Veränderung kann sich aufgrund agiler Strukturen schnell etwas tun. Aus meiner Sicht wäre es fatal, wenn ich dann zurückliegend und unwiederbringlich meine Partizipation an diesem Shift negiert hätte.

Auch wenn der ultimativer Rückzug suggeriert, sich persönlich von all der Last zu befreien. Ein medienkompetenter Mensch sollte es organisieren können. Facebook, XING oder Twitter für 1 Monat bis 2 Jahre nebenbei zu handhaben. Den eigenen Grad an persönlicher Vernetzung zu sabotieren, ist für mich keine Option. An andere Stelle (auf XING) habe ich mal folgendes geschrieben und heute angepasst noch einmal getwittert.

Fazit

Aus einer Enttäuschung heraus wankelmütig in den Reflex eines Protestes zu stolpern, zerstört den Grad an persönlicher Vernetzung und der Nutzen der Serendipität wird zumindest gestört. Der kurzfristige Effekt der sich einstellenden Entlastung lässt sich nicht aufwiegen mit dem Schaden, der Eintritt, wenn ich mit den Zugang in eine informationsüberladende Gesellschaft verbaue. Ich finde Detox übertragen auf unser Medienverhalten für wichtig, käme aber nie auf die Idee, zurückliegender Errungenschaften mutwillig zu zerstören. Weil das in der einer informationswichtigen Gesellschaft auch ein Verlust an Chancen bedeuten würde. Betroffene Nutzer, die diese Zeilen lesen, werden mir fundamental widersprechen. Damit ist fast zu rechnen. Gern in den Kommentaren. Doch genau in diesem Widerspruch finden wir ein Indiz für meine Theorie., dass es aktiven Rückziehern vor allem um die eigene Enttäuschung geht, deren Verletzung nicht dadurch heilt, dass ich mir selbst vors Knie trete.

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Die Anwesenheit des Internets als exogene Quelle für Veränderung und Wandel lässt die Gesundheitsbranche bedrohlich, unangenehm und teils überfordert aus der Stresstoleranz kippen. Deshalb findet man Frank Stratmann im Netz unter dem Pseudonym betablogr.

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