Vom Narrativ des Friedenstifters
Mittwoch, 20. August 2025
Trump inszeniert sich als Friedensbringer, während er autoritäre Kontrolle und Loyalität fördert. Frieden wird zur Marke, die Kritik neutralisiert und seine Herrschaft legitimiert. Der angestrebte Friedensnobelpreis wäre der Beweis, dass Frieden hier Herrschaftstechnik ist.
Kolumne
Eigene Aufnahme von Frank Stratmann im Frühjahr 2025
Der Umbau der US-Demokratie als innenpolitisches Vorhaben ist unmittelbar mit der Außenpolitik des Peacemakers verknüpft. Wer im komplexen internationalen Geflecht diplomatischer Beziehungen es schafft, Frieden zu stiften, wird innenpolitisch hinsichtlich seiner Motive kaum mehr infrage gestellt. Wegbereiter ist dabei auch eine defizitäre bis mangelnde politische Bildung der US-Bürger, aber auch derer, die von außen auf die USA als demokratische Nation Einfluss nehmen könnten.
Feudaler Tech-Paternalismus
Donald J. Trump steht für eine politische Praxis, die sich oberflächlich als modern, digital und populär präsentiert, tatsächlich aber Züge neofeudaler Herrschaft trägt. Feudal bedeutet hier, dass Loyalitäten wichtiger sind als institutionelle Regeln. Trump organisiert Macht über persönliche Treue, familiäre Netzwerke und exklusive Ressourcenzugänge. Das Technologische zeigt sich in der Nutzung digitaler Plattformen – früher Twitter und heute Truth Social – als zentrales Herrschaftsinstrument. Das Verkünden der digitalen Schriftrollen des US-Präsidenten in etablierten Nachrichtenkanälen ist längst zum Ritual geworden. Aussagekräftige Pressekonferenzen mit der Möglichkeit für Rückfragen werden seltener oder verkommen zur Inszenierung. Die Kontrolle über Aufmerksamkeit und Diskurs ersetzt teilweise die klassischen Medienstrukturen.
Der Paternalismus zeigt sich in der Selbstdarstellung als fürsorglicher Beschützer »des Volkes« gegen Eliten, Medien und internationale Organisationen. Dieses Arrangement ähnelt einem digitalisierten Fürstentum, in dem Zugang zu Macht und Ressourcen über Loyalität und digitale Reichweite organisiert ist.
Authoritarian Peacebranding
Da Trump international immer weniger Vertrauen genießt, entwickelt er ein Narrativ des Friedensstifters. Seine Rhetorik und symbolischen Gesten dienen dazu, ein Friedensimage aufzubauen, das Trump außenpolitisch unverzichtbar erscheinen lässt.
Trump inszeniert sich als einmaliger »Deal-Maker« des Friedens – ob mit Nordkorea, Israel oder im Mittleren Osten. Selten gelingt ein solches Projekt, und doch hält sich die Erzählung: Wenigstens einer, der etwas versucht.
Frieden wird so zur Marke, zum personalisierten Alleinstellungsmerkmal. Diese Friedensrhetorik hat keinen Charakter universaler Werte, sondern bleibt strategisch verkoppelt mit Macht- und Herrschaftsinteressen. Wer sich gegen Trump stellt, gilt als Gegner von Frieden und Stabilität. Internationale Akteure geraten in eine paradoxe Lage: Kritik an Trumps Autokratisierung lässt sich leicht als Gefährdung seiner vermeintlichen Friedensmission darstellen.
Ich bin nur hier, um es zu beenden, nicht weiterzumachen. Es wäre NIEMALS passiert, wenn ich Präsident gewesen wäre. Ich weiß genau, was ich tue, und ich brauche nicht den Rat von Menschen, die seit Jahren an all diesen Konflikten arbeiten und es niemals geschafft haben, sie zu stoppen. Es sind ›dumme‹ Leute, ohne gesunden Menschenverstand, ohne Intelligenz und ohne Verständnis, und sie machen die derzeitige Katastrophe zwischen Russland und der Ukraine nur noch schwerer zu lösen. — Donald J. Trump auf Truth Social am 18.08.2025
Legitimationsfrieden
Die zentrale Funktion dieses Friedensnarrativs liegt in der Immunisierung des Regimes. Innenpolitisch präsentiert sich Trump als Friedensbringer, um seine autoritäre Machtstrategie zu rechtfertigen. Kritik wird moralisch neutralisiert, weil sie angeblich den Frieden gefährdet. Außenpolitisch wirkt das Narrativ wie ein Schutzschild, das Sanktionen oder internationale Isolierung abwehrt. Das Friedensnarrativ macht ihn zum angeblich unverzichtbaren Akteur. Symbolisch wird Frieden zum Totschlagargument. Wer gegen Trump auftritt, stellt sich gegen die Chance auf Frieden.
Der Friedensnobelpreis als Schlussstein
Der Wunsch Trumps, den Friedensnobelpreis zu erhalten, ist das deutlichste Indiz für diese Strategie. Die Vergabe des Preises treibt den Legitimationsfrieden auf die Spitze. Symbolisch wird die Auszeichnung zum global anerkannten Siegel und macht den US-Präsidenten unangreifbar. Innenpolitisch gilt sie ihm als Triumph gegen ›globale Eliten‹ und Kritiker, als Beweis seiner historischen Größe. Außenpolitisch immunisiert sie ihn moralisch gegenüber allen Vorwürfen von Autokratisierung, Korruption oder Machtmissbrauch. Damit wird der Nobelpreis zum Schlussstein des Projekts des Authoritarian Peacemaking: Frieden nicht als Realität, sondern als Symbol der Unantastbarkeit.
Ergo
Wir erleben hier, was Philipp Hübel als ›Moralspektakel‹ beschreibt – allerdings auf höchster diplomatischer Ebene. Moralische Gesten werden nicht mehr als ethische Positionen verstanden, sondern als Inszenierungen, die Herrschaft stabilisieren sollen.
Das Zusammenspiel von Feudalismus, Technologie und Paternalismus bildet die innere Architektur von Trumps Herrschaft. Durch das Peacebranding entsteht nach außen eine moralische Fassade, die in einem Legitimationsfrieden kulminiert. Der angestrebte Friedensnobelpreis wäre der ultimative Beweis, dass Frieden hier nicht Ziel, sondern Herrschaftstechnik ist.
Der Umbau der US-Demokratie als innenpolitisches Vorhaben ist also eng mit der Außenpolitik des Peacemakers verknüpft. Die Fähigkeit, Frieden zu stiften, verschafft innenpolitische Immunität, während eine mangelnde politische Bildung in den USA und bei internationalen Beobachtern diese Strategie zusätzlich begünstigt.
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