Open Foresight Cycle
Dekonstruktion
Ursachen
Psychohistorische Ursachen
Kulturelle strategische Vorausschau
Psychologische, psychohistorische strukturelle Ursachen sind tief verwurzelte, historisch gewachsene Bedingungen, die psychische Prozesse und gesellschaftliche Phänomene prägen. Sie manifestieren sich sowohl auf individueller als auch kollektiver Ebene und sind oft resistent gegenüber Veränderungen, da sie in der Persönlichkeitsstruktur und im sozialen Gefüge verankert sind. Die Psychohistorie untersucht, wie vergangene Erfahrungen und transgenerationale Übertragungen diese Muster formen und fortwirken.
Written by: Redaktion
2.5
Update from Jul 14, 2025
Die strukturelle Ursache mit eine psychohistorischen Ausrichtung spielt als Vektor eine wichtige Spur innerhalb des Cultural Strategic Foresight Frameworks. Im Rahmen der Causal Layered Analysis (CLA), die im Framework die Phase der Dekonstruktion kennzeichnet, werden psychohistorische Ursachen vorrangig auf der Ebene der »systemischen Gründe« sowie teilweise auf der Ebene der »Weltanschauung/Ideologie« untersucht.
Die Dekonstruktion im Cultural Strategic Foresight hinterfragt kulturelle Annahmen und Normen kritisch, will Werte überprüfen und verborgene Strukturen freilegen. Die psychohistorische Perspektive erweitert diesen Ansatz, indem sie die historische Dimension und die transgenerationalen Übertragungsprozesse systematisch in die Analyse einbezieht.
Durch die Identifikation und Analyse psychohistorischer Ursachen lassen sich jene tief verwurzelten Bedingungen erkennen, die aktuelle Problemstellungen maßgeblich beeinflussen, jedoch oft im Verborgenen wirken. Diese Erkenntnisse bilden eine wesentliche Grundlage für die nachfolgende Szenarienbildung nach den Archetypen von Jim Dator (Continuation, Collapse, Discipline, Transformation), die wir als weiteres Analyse-Werkzeug einsetzen.
Im Kontext des Cultural Strategic Foresight ermöglicht die Auseinandersetzung mit psychohistorischen strukturellen Ursachen eine Überwindung oberflächlicher Betrachtungen und eröffnet Zugänge zu fundamentalen Veränderungsmöglichkeiten. Sie trägt dazu bei, die Zeitkollisionen zwischen schnellen technologischen Entwicklungen und langsameren kulturellen Anpassungsprozessen zu verstehen und in der strategischen Planung zu berücksichtigen.
Diese tiefere Analyse schafft die Voraussetzung für die spätere Rekonstruktionsphase, in der neue Narrative, Strategien und Werte entwickelt werden, die den identifizierten psychohistorischen Mustern Rechnung tragen und alternative Zukunftspfade eröffnen können.
Wann ist eine psychohistorische Analyse besonders relevant?
Eine Analyse psychohistorischer Ursachen bietet sich in folgenden Kontexten besonders an:
Bei wiederkehrenden gesellschaftlichen Mustern, die trotz rationaler Gegenmaßnahmen persistieren (z. B. Reproduktion von epistemischen Ungerechtigkeiten im Gesundheitswesen oder ökonomische Krisen).
Wenn offenkundige Erklärungsmodelle oder oberflächliche Analysen keine befriedigenden Antworten auf komplexe gesellschaftliche Phänomene liefern.
Bei der Betrachtung transgenerationaler Themen wie historischen Traumata (Stichwort Pandemie), kollektiven Schuldfragen oder tief verankerten kulturellen Identitätskonstrukten.
Im Kontext strategischer Zukunftsplanung, besonders wenn fundamentale Transformationen angestrebt werden, die über technische oder politische Lösungen hinausgehen.
Bei der Untersuchung von Widerständen gegen Veränderungen, die auf rationaler Ebene kaum erklärbar sind.
Die psychohistorische Analyse erfordert spezifische methodische Kompetenzen und eine interdisziplinäre Herangehensweise. Sie verbindet historische Forschung mit tiefen-psychologischen Erkenntnissen und sozialwissenschaftlichen Methoden. Im Cultural Strategic Foresight Framework ergänzt sie die systemische und technische Perspektive um eine essenzielle Dimension, die besonders für langfristige Transformationsprozesse relevant ist.
Erläuterung der psychohistorischen Ursachenforschung
Unter einer psychologischen, psychohistorischen strukturellen Ursache verstehen wir eine tiefgreifende, historisch gewachsene und im Unbewussten von Individuen oder Gruppen verankerte Bedingung. Diese prägt psychische Prozesse, Verhaltensweisen und gesellschaftliche Phänomene maßgeblich und entzieht sich häufig der bewussten Wahrnehmung oder gezielten Veränderung.
Die analytische Betrachtung erfordert eine Differenzierung mehrerer Dimensionen.
Die psychologische Dimension umfasst die vielschichtigen Ebenen der menschlichen Psyche. Sie erstreckt sich über bewusste und unbewusste Gedanken, Gefühle, Motivationen, Ängste, Abwehrmechanismen und Persönlichkeitsstrukturen. Hier manifestieren sich jene dynamischen Prozesse, die sowohl individuelles als auch kollektives psychisches Erleben konstituieren und perpetuieren.
Die psychohistorische Perspektive fokussiert sich auf die temporale Genese dieser psychologischen Muster. Die von Lloyd deMause und anderen Theoretikern begründete Psychohistorie untersucht die transformative Wirkung vergangener Erfahrungen.
Individuell richtet sich die Aufmerksamkeit dabei auf frühkindliche Prägungen wie Erziehungspraktiken, Traumata und Bindungsmuster. Für unsere Arbeit entscheidender sind die kollektiven historischen Ereignisse wie kriegerische Auseinandersetzungen, sozialen Transformationsprozessen und kulturelle Normierungen. Für ein Krankenhaus kann das sein, in der Vergangenheit häufiger als Einrichtung infrage gestellt worden zu sein. Im Zuge der anstehenden Krankenhausreform kann davon ausgegangen werden, dass wir später ein Defizit in der organisationalen Resilienz erkennen können, das auf den Übergang zwischen einst Häusern mit hoher Tradition und Reputation zu kleineren Einheiten zurückzuführen wären.
Diese Disziplin postuliert, dass psychische Konfigurationen nicht isoliert entstehen, sondern durch historische Prozesse und historische Übertragungen geformt werden. Dies impliziert die Möglichkeit, dass unverarbeitete Konflikte oder traumatische Erfahrungen früherer Entwicklungsphasen in gegenwärtigen Manifestationen fortwirken.
Die strukturelle Komponente verweist auf die profunde Verankerung und schwere Zugänglichkeit dieser Ursachen.
Auf individueller Ebene können strukturelle Ursachen als fundamentale Persönlichkeitsdispositionen, Abwehrmechanismen oder »Strukturpathologien« in Erscheinung treten. Diese beeinflussen das Erleben und Verhalten eines Menschen nachhaltig und erweisen sich als resistente Faktoren gegenüber Veränderungsversuchen, da sie essenzielle Bausteine der psychischen Architektur darstellen.
Im kollektiven Kontext manifestieren sich strukturelle Ursachen als überindividuelle Muster, Normen, Werte, Institutionen und soziale Praktiken. Diese determinieren das psychologische Erleben und Verhalten sozialer Gruppen oder ganzer Gesellschaften. Hierzu zählen tief verwurzelte Vorurteile, Machtstrukturen und verschiedene Formen der Diskriminierung wie strukturelle Gewalt oder institutionalisierte Ausgrenzungsmechanismen. Diese historisch gewachsenen Strukturen sedimentieren im Denken und Handeln der Menschen und wirken oftmals ohne explizite Intention der beteiligten Individuen fast unsichtbar und systematisch.
Eine psychologische, psychohistorische, strukturelle Ursache konstituiert sich demnach als komplexes Geflecht individueller und kollektiver psychischer Muster, die sich transgenerational entwickelt haben und tief in der Persönlichkeitsstruktur und im gesellschaftlichen Gefüge verankert sind. Sie beeinflussen kognitive, emotionale und behaviorale Prozesse auf fundamentaler Ebene und zeigen bemerkenswerte Resistenz gegenüber oberflächlichen Interventionen. Die Psychohistorie unternimmt den Versuch, diese verborgenen historischen Wurzeln psychologischer Phänomene zu ergründen, um ein differenzierteres Verständnis menschlichen Verhaltens und gesellschaftlicher Entwicklungsdynamiken zu gewinnen.
Warum Weltbilder als tieferliegende Schicht die psychohistorischen Ursachen stützen
Systemische Ursachen sind tief mit historisch gewachsenen Weltbildern verwoben, die oft über Jahrhunderte hinweg Denk- und Handlungsmuster prägen. Diese historischen Weltbilder wirken als unsichtbare Matrix, die gegenwärtige Entscheidungen und Strukturen beeinflusst, ohne dass dies den Handelnden bewusst sein muss.
Die Beständigkeit dieser Weltbilder erklärt sich aus mehreren Faktoren:
Sie werden durch Sozialisationsprozesse von Generation zu Generation weitergegeben und in kulturellen Praktiken, Bildungssystemen und Institutionen verankert.
Sie manifestieren sich in kollektiven Identitätskonzepten und werden Teil des kulturellen Gedächtnisses einer Gesellschaft.
Sie werden oft in Narrativen und Mythen kodiert, die emotionale Resonanz erzeugen und dadurch besonders nachhaltig wirken.
Ein anschauliches Beispiel findet sich im westlichen Fortschrittsparadigma, das auf dem cartesianischen Dualismus und der Aufklärung basiert. Die Trennung von Geist und Materie, Mensch und Natur, hat systemische Ursachen geschaffen, die bis heute in ökologischen Krisen nachwirken. Obwohl dieses Weltbild aus dem 17. und 18. Jahrhundert stammt, strukturiert es noch immer wirtschaftliche Systeme, wissenschaftliche Methoden und politische Entscheidungsprozesse.
Für die strategische Zukunftsplanung ist das Verständnis dieser historischen Dimension systemischer Ursachen entscheidend. Nur wenn die tieferen Schichten erkannt werden, können Interventionen entwickelt werden, die nicht nur Symptome behandeln, sondern transformatives Potenzial entfalten.
Die besondere Herausforderung liegt darin, dass diese historischen Weltbilder oft naturalisiert wurden – sie erscheinen als »natürliche Ordnung« oder »Selbstverständlichkeit«, nicht als historisch kontingente Konstruktionen. Ihre Dekonstruktion erfordert daher nicht nur intellektuelle Anstrengung, sondern auch die Bereitschaft, emotionale und identitätsstiftende Bindungen zu hinterfragen.
Ein bemerkenswertes Beispiel für die psychohistorische Dimension gesellschaftlicher Muster findet sich in der von Gerald Hüther vorgenommenen Analyse zur »German Angst«. Er führt diese besondere Form der Furcht vor Veränderung auf den Dreißigjährigen Krieg zurück. Dieses historische Trauma, bei dem ein Drittel der deutschen Bevölkerung umkam, endete mit der religiösen Spaltung des Landes in einen evangelischen Norden und einen katholischen Süden.
Die daraus resultierende »verlorene Gemeinschaft« und die Kleinstaaterei nach dem Westfälischen Frieden erschwerten nicht nur die Bildung einer Nation, sondern prägten auch tiefgreifend das kollektive Bewusstsein. Anders als Nationen mit einheitlicher religiöser Identität entwickelte Deutschland ein besonderes Verhältnis zu Sicherheit und Kontrolle, das bis heute in Form einer ausgeprägten Angst vor Veränderung nachwirkt.
Diese psychohistorische Ursache manifestiert sich in gegenwärtigen gesellschaftlichen Phänomenen: In der Sehnsucht nach Stabilität und Vorhersehbarkeit, in der Tendenz zum Aufschieben notwendiger Veränderungen und in der besonderen Anfälligkeit für vereinfachende Narrative, die Sicherheit versprechen. Die Überwindung dieser »German Angst« scheint erst jetzt langsam möglich zu werden, möglicherweise durch das zunehmende Bewusstsein der globalen Verflechtungen als Exportnation.
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