Verbundenes Getrenntsein

Montag, 25. August 2025

Die Kultur des Getrenntseins ist eine Praxis, die uns herausfordert, Räume zu schaffen, in denen Mitgefühl und Menschlichkeit gedeihen können – eine paradoxe Verbindung zwischen digitaler Vernetzung und sozialer Fragmentierung.

Fragment

Mit eigenem Prompt generiert

Diese Zeilen entstanden als Antwort auf einen Austausch in meinem Netzwerk. Konfrontiert mit der seit der Moderne stärker denn je aufkommenden »Kultur des Getrenntseins« und wie wir versuchen, diese zu überwinden, entstand folgende Antwort. Tanzen – so viel Verwirrung sei mir zum Beginn dieses Textes gestattet, wurde – in dem über den Messenger Signal geführten Gespräch – als ein Phänomen beschrieben, in dem die Distanz zwischen Menschen verringert werden kann. Meine Gesprächspartnerin, ergänzte einige Fragen zu den Begriffen ›Meditation‹ und ›Mitgefühl‹. Darauf habe ich geantwortet.

Was Du einmal versuchen solltest, wäre, die unterschiedlichen Begriffe wie Getrenntsein, Individualisierung, Epidemie der Vereinsamung und Einsamkeit in den drei Spielarten negativ, neutral und positiv als unterschiedliche Ausprägungen zu betrachten. Alle stehen mehr oder weniger miteinander in Verbindung. Einfach mal weg vom mathematisch Kausalen; hin zur Anerkennung der komplexen Verschachtelung aller dieser Sinnfelder.

Tanzen

Getrenntsein im Kontext von Tanzen – wie Du schreibst – ist fast schon naheliegend. Tanzen ist Annäherung. Beim Tanzen lässt sich klären, ob man sich (gut) riechen kann. Wer gemeinsam die Nähe eines Tanzes erträgt und sich diese Nähe über die Länge eines Tanzes hinaus nicht nur vorstellen kann, sondern sehnlichst wünscht, verfügt über das Privileg, sich verlieben zu dürfen. Wann darf ich dem Mann der anderen je so nah sein? Oder für mich gilt die Frau des anderen und, wenn Du so willst, alle weiteren Kombinationsmöglichkeiten heute. Tanzen ist eine Insel, in der sich das normative Getrenntsein überwinden lässt. Mir hat einmal eine Frau, die etwa 15 Jahre älter war, gesagt: »Tango Argentino ist wie Sex haben vor Publikum«. Sie war eine Geschäftspartnerin und wir haben nie miteinander getanzt.

Der Tanztee bei älteren Menschen ist wohl ein Ausdruck, sich resilient gegen die Vereinsamung zu stellen. Auch dann, wenn beim Tanzen bisher nicht alles erlaubt sein dürfte. Vorgeschichten in Gestalt von Eifersucht, fehlender Sympathie, sogar Erwägungen über anzunehmende Hygienestandards des potenziellen Tanzpartners dürften hier eine Rolle spielen. Ganz sicher auch die Etikette, das Benehmen.

Womöglich war die Generation unserer Großeltern deshalb skeptisch gegenüber Diskotheken und die Stones waren der Untergang des Abendlandes. Bei dem Gezappel konnten weder Damen die Gentlemen begutachten, noch gelang es Männern, in der Konversation beim Tanzen herauszufinden, ob Anmut und innere Verfasstheit sich synchron zeigten. Die Befreiung vom Tanzpartner ist sicher ein wichtiger Beitrag zur Emanzipation. Seitdem gibt es beide Varianten.

Emmanuel Levinas sagt: »Einem Menschen begegnen heißt, von einem Rätsel wachgehalten zu werden.« Tanzen ist ein zutiefst menschliches Phänomen.

Eine tief verwurzelte Kultur des Getrenntseins dürfte sich mit dem Aufkommen der Bürgerlichkeit begründen lassen. Als Kinder ihre Eltern noch siezten. Das ›Siezen‹ von Menschen als Distanzierung, das sich in den aufkommenden bürgerlichen Schichten etablierte – weil man prätentiös dem Adel nacheiferte – und was uns bis heute in einer Kultur des Siezens als Synonym für Getrenntsein verharren lässt, ist ein deutliches Indiz.

Unter »Kultur des Getrenntseins« kann man kulturwissenschaftlich die historisch und sozial hervorgebrachten Muster verstehen, durch die Gesellschaften Differenzen stabilisieren, Identitäten durch Abgrenzung schaffen und soziale Ordnung sichern. Sie ist nicht nur Defizit (Isolation, Entfremdung), sondern auch produktiv, weil sie Unterschiede sichtbar und bearbeitbar macht. Ein artifizielles Getrenntsein kann oder will sogar überwunden werden.

Mitfgefühl

Mitgefühl als deutsche Adaption von Empathie ist ja gerade schwer unter Beschuss. Wir erinnern uns an die Aussagen von Elon Musk, der Empathie als Epidemie bezeichnete. Da sollte man dann schon aufhorchen, was er eigentlich will. Mit Dirk Baecker (Soziologe) lässt sich das so beschreiben: Der Drang des Menschen, alles berechenbar zu machen (Digitalisierung), benötigt im gleichen Zuge eine Analogisierung. Damit meint er, dass wir bewusst in die Sphären vordringen, die vom Rechner nicht erreicht werden, weil sie sich nicht mit binärem Code ausdrücken lassen. Hätte man alles (oder vieles) über die Welt gewusst, hätte niemand voraussagen können, dass ich diese Zeilen heute schreiben werde.

Meditation

Unter Meditation lässt sich ja ebenso vieles verstehen. Wer darin primär eine fernöstliche Lebenspraxis versteht, greift zu kurz. Ich behaupte, der sonntägliche Gottesdienst, der aus der Mode gekommen ist, spendete vielen, die das nie so genannt hätten, eine meditative Stunde. Schon Descartes spendete der Philosophie die kartesianische Meditation, wie sie Husserl in seiner Phänomenologie aufgreift, um zu beschreiben, wie sich über ein Ding nachdenken lässt. Ich meditiere gern, während ich wandere.

Wenn man sich nicht abgeholt fühlt, liegt das oft an der Perspektive. Dann muss man um den Gegenstand herumlaufen, um die Abschattungen zu erkennen, jene Seiten einer Sache, die man nicht erkennen kann, weil sie auf der Rückseite liegen. Das ist anstrengend und hat zunächst wenig mit Logik zu tun. Deshalb darf man auch so etwas als Meditation verstehen.

Kultur des Getrenntseins

Die Kultur des Getrenntseins verweist im Übrigen auf eine Praxis. Kultur ist immer anwendungsorientiert. Sie wird von Menschen praktiziert. Deshalb kultiviert sich die Praxis. Getrenntsein ist erst einmal ein Zustand, den wir nicht überwinden. Paartanzen an einem Ort, sogar ein Besuch der Branchemesse DMEA (außerhalb der wirtschaftlichen Interessen) bietet Möglichkeitsräume, die uns näher zusammenrücken lassen. Wer jetzt kultiviert, diese Räume zu suchen, sie zu schaffen oder zu erhalten, leistet einen Beitrag für mehr Menschlichkeit. Das erlaubt Mitgefühl. Die Meditation kommt dann automatisch im Zug oder Tage später. Sie erwächst aus den Momenten, in denen wir als Mensch berührt wurden.

Das Spannungsfeld zwischen digitaler Vernetzung und sozialer Fragmentierung legt nahe, dass wir beides zugleich erleben – eine paradoxale Kultur des »verbundenen Getrenntseins«.

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Frank Stratmann

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Ich bin Frank Stratmann – ein Cultural-Foresight-Analyst und Designer für deliberative Kommunikation.
Bekannt als @betablogr.

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