Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit
"Anfänge" hinterfragt die lineare Fortschrittserzählung und zeigt die Komplexität und Modernität früher Gesellschaften auf.
Text dazu von: Frank Stratmann
New Moral Health Economy
Update vom 21.08.25
Kernthesen des Buches
Die Entwicklung menschlicher Gesellschaften verlief nicht linear, sondern gleicht eher einem tänzerischen Torkeln mit Rückschritten, Seitensprüngen und Umwegen, parallelen Entwicklungen und unerwarteten Wendungen. Diese Gesellschaften waren erstaunlich komplex und experimentierfreudig. Viele historische Gesellschaftsformen waren tatsächlich gerechter, freier, vielfältiger und partizipativer als manche modernen Staaten. Unsere heutige Gesellschaft ist nicht der Höhepunkt der Zivilisation, unsere Gegenwart nicht das Ende der Geschichte, und wir sind nicht das letzte Kapitel der Menschheit.
Übrigens: Aktuell gibt es das E-Book für 2,99 EUR direkt bei Klett-Cotta. Diese Information stammt von Ende August 2025.
Persönliche Reflexionen zum Werk
Trotz seiner anfänglichen Langatmigkeit entwickelt Graebers Werk eine beeindruckende Tiefe und Überzeugungskraft. Die scheinbar umständlichen Ausführungen erweisen sich als notwendige Grundlage für die tiefgreifenden Erkenntnisse, die Zeit benötigen, um ihre volle Wirkung zu entfalten. Was Graeber uns zeigt, ist faszinierend: Amazonas-Völker, die mit bemerkenswerter Flexibilität zwischen nomadischen und sesshaften Lebensweisen wechseln und dabei kreativ mit sozialen Strukturen experimentieren. Nordamerikanische indigene Gemeinschaften, die bewusst egalitäre Prinzipien pflegten. Präkolumbianische Hochkulturen, deren ethnisch diverse Großstädte auf gemeinschaftlichen Werten basierten. Mesopotamische Metropolen, die bereits vor Jahrtausenden Konzepte von Gemeinschaftseigentum und direkter Partizipation praktizierten.
Diese reichhaltige historische Perspektive, fundiert durch akribische archäologische und ethnographische Forschung, korrigiert unser verzerrtes Bild der Menschheitsgeschichte grundlegend. Die frühen Gesellschaften erscheinen nicht als primitive Vorstufen unserer ›zivilisierten‹ Gegenwart, sondern als beeindruckend komplexe Gemeinschaften mit eigenen, oft überraschend fortschrittlichen Lösungen für soziales Zusammenleben. Wir entdecken Werte und Praktiken, die unserer modernen Gesellschaft teilweise verloren gegangen sind und die wir nun mühsam wiederentdecken: adaptive soziale Strukturen, starken Gemeinschaftssinn, ausgeprägte Freiheitsrechte und gelebte Gleichberechtigung.
Gesellschaftliche Entwicklung ist nicht linear
Unter der Überschrift »Gesellschaftliche Entwicklung ist nicht linear« wird auf zwei konkurrierende Narrative zur Zivilisationsentwicklung hingewiesen. Graeber stellt in seinem Werk die gängige Vorstellung einer linearen Fortschrittsentwicklung infrage und präsentiert stattdessen ein differenzierteres Bild. Nehmen wir den Buchtitel beim Wort und spulen tatsächlich zurück bis zu den Anfängen unserer Zivilisation. Also: Wie hat das alles angefangen? Dazu gibt es zwei unterschiedliche Narrative. Das Erste stammt von dem Philosophen Jean-Jacques Rousseau und beschreibt den Menschen im Naturzustand als frei und gleichberechtigt. Ein zweites Narrativ, oft mit Thomas Hobbes verbunden, zeichnet ein düsteres Bild vom »Krieg aller gegen alle«, der nur durch hierarchische Strukturen zu bändigen sei.
Graeber zeigt durch archäologische und ethnographische Belege, dass keine dieser Erzählungen der komplexen Realität früher menschlicher Gesellschaften gerecht wird. Stattdessen finden wir eine erstaunliche Vielfalt von Organisationsformen, die zwischen Hierarchie und Egalität, zwischen individueller Freiheit und Gemeinschaftlichkeit auf unterschiedliche Weise balancierten.
Moderne Klischees über historische Gesellschaften
Eine wichtige Reflexion befasst sich mit der Dekonstruktion gängiger Vorstellungen über frühe städtische Zivilisationen. Unsere Vorstellung von frühen Städten mit strengen, hierarchischen Strukturen ist ein modernes Klischee. Während wir heute Sharing Economy und direkte politische Teilhabe als Innovationen feiern, existierten ähnliche Konzepte bereits in antiken Gesellschaften. Die frühen mesopotamischen Städte zwischen Euphrat und Tigris zeigten beispielsweise keine Anzeichen monarchischer Herrschaft. Stattdessen wurde Gemeindearbeit kollektiv organisiert, wobei Menschen für eine bestimmte Anzahl von Tagen im Jahr zu gemeinschaftlicher Arbeit beitrugen – ein frühes Modell sozialer Kooperation und geteilter Verantwortung.
Das Buch »Anfänge« stellt einen wichtigen Beitrag zur Neubetrachtung menschlicher Zivilisationsgeschichte dar. Es hinterfragt die vorherrschende lineare Fortschrittserzählung und eröffnet eine differenziertere Perspektive auf die Vielfalt historischer Gesellschaftsformen. Die dokumentierten Notizen im Workspace zeigen, dass die Hauptthesen des Werkes als Korrektiv zu verbreiteten Geschichtsnarrativen verstanden werden.
In der Zusammenschau wird deutlich, dass Graeber ein Gegenbild zu unserer »Lieblingserzählung« vom »unaufhaltsamen Fortschritt« entwirft und stattdessen die Komplexität, Experimentierfreudigkeit und teilweise überraschende Modernität früher Gesellschaften herausarbeitet.
Anfänge – eine neue Geschichte der Menschheit
9783608118414
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